meine Arbeit und Ich

Auch wenn das Wohnheim, die Wohnheimbewohner und ihre Partys mich von mir abhalten, ist meine Hauptbeschäftigung doch meine Arbeit. Ich unterrichte fünf Tage die Woche Deutsch. Dabei muss ich an zwei Tagen um 8 und an drei um 10 Uhr beginnen. So habe ich mir angewöhnt um 9 manchmal auch um 8 schlafen zu gehen. Ich muss das so machen, um genug Kraft für die Arbeit zu haben. Bevor blöde Fragen kommen: Kalle Kolja lebt und ich bin er.
Ich gehe gern zeitig los, um in Ruhe frühstücken zu können und um dem studentischen Verkehr auszuweichen. Bekannt ist, dass es in China ein paar mehr Menschen gibt als in Europa. Natürlich ist auch der Berufsverkehr in China enger als bei uns. Davor hatte ich keine Angst und das war ein Fehler. In Berlin flanierte ich meist neben dem Berufsverkehr entlang. Der Berliner Berufsverkehr verstopft die Straßen und U-Bahnschächte, lässt die Bürgersteige aber schlafen. Da ich immer schon gern lief, nie ein Auto hatte und nie eins wollte, war der Berufsverkehr für mich etwas, das anderen Leuten passierte.
Hier gibt es so etwas wie einen Campus, eine Ansammlung von Wohnheimen, dort wohne ich und die Studenten. Und all diese Studenten müssen morgens zur Universität. Man denke an einen Fluss aus verschlafenen Leibern, der träge durch die Straßen fließt. Und mittendrin ich. Gefangen im Strom, gezwungen, langsam zu laufen. Ich hasse es, langsam zu laufen. Dabei langweile ich mich und schlafe ein. Manche sagen, ich sollte lernen, langsam zu gehen, mich zu entspannen. Aber dieses vor sich hin trotteln, hat nichts entspannendes für mich, es macht mich wütend, es macht mich zum Trottel. Wenn ich langsam gehe, versanden meine Gedanken, wenn ich langsam gehen muss, dann sollte mein Weg mich in den Schlaf führen, denn zu anderen Dingen bin ich bald nicht mehr nutze. An jedem Morgen und an manchen Abenden schleiche in der Masse langsam voran und meine Müdigkeit verdichtet sich zum Zorn. Ich möchte dann in Ärsche treten, aber leider dürfen in diesen Land Lehrer ihre Studenten nicht schlagen.
Apropos Studenten: ich habe Studenten. 31 Studenten habe ich und sie sind alle 18 Jahre alt.
Mit meiner Mutter hatte ich oft überlegt, wie wohl meine Studenten sein würden. Meine Mutter hat eine lange Zeit in Japan unterrichtet. Japanische Studenten sind sehr schüchtern, sagte sie und erzählte mir von ihrer ersten Deutschstunde in Japan, in der eine Studentin, der sie eine Frage stellte, sich unter ihrem Tisch versteckte. Chinesische Studenten sind wahrscheinlich genauso schüchtern, sagte meine Mutter. Das waren meine Erwartungen. Was man über Erwartungen wissen muss, wenn man im fremde Länder fährt, ist, dass Erwartungen ganz nett sein können, um sich die Wartezeit – z.B. im Flugzeug zu vertreiben -, dass es bei Erwartungen aber eher ums Warten, als ums Erfüllen geht. Um es abzukürzen, meine Studenten sind nicht schüchtern.
Sie sind 31. Sie sind 18 Jahre alt. Sie sind alle Anarchisten.
Als ich meine Studenten noch erwartete, also unbelastet von der Realität war, sorgte ich mich, ob denn der kommunikative Unterricht, den ich gelernt habe, überhaupt anwendbar wäre mit diesen Schüchternen. Als ich meinen Studenten das erste Mal eine kommunikative Aufgabe – eine Aufgabe, bei der sie miteinander reden sollen – gab; explodierte die Klasse. Es war zwar eine rein akustische Explosion, aber beinahe hätte ich mich unter meinem Tisch versteckt. Meine Studenten brüllten sich an, sie sollten diskutieren, doch sie pöbelten. Als ich schüchtern, von Tisch zu Tisch ging um meine Hilfe anzubieten, verstand ich, was sie sagten. Ich blieb trotzdem in meiner Rolle und korrigierte sie.
„Du bist geisteskrank!“ „Irre,“ schlug ich vor. „Du bist eine Eselin!“ „Blöde Kuh,“ dachte ich. „Ist mir scheißegal, was du sagst!.“ Der hier kann sofort in Deutschland studieren, dachte ich. „Fette Sau!“ Nein, ich war nicht gemeint.
Heute habe ich mich an meine Studenten gewöhnt und sie sich an mich. Ich habe mich sogar daran gewöhnt, wie viele sie sind, das fällt mir kaum noch auf. Nur an ihr Alter mag ich mich nicht gewöhnen, aber auch das ist nur eine Frage der Zeit.
Meine Schüler nennen mich Herr Buchholz. Ich habe mich so vorgestellt und fand es sehr bizarr. Herr Buchholz, das hört sich alt an, das hört sich an wie so ein seriöser Sack, der unter der Woche um 8 Uhr schlafen geht, um genug Kraft für die Arbeit zu haben. So ein dummer Kerl, der lieber trainiert als feiert und sich von Untergebenen mit „Herr Soundso“ ansprechen lässt. Ich hasse solche Menschen, ich hätte mich von meinen Schülern anders nennen lassen sollen… Oh, Kapitän, mein Kapitän, wäre angemessen gewesen. Immerhin führe ich sie aus dem Aquarium des Frontalunterrichts hinaus in den Ozean des kreativen Sprachgebrauchs.
Was es noch für Probleme gibt? Das Aussehen ist es nicht. Ich kann meine Schüler ganz wunderbar voneinander unterscheiden. Ich weiß zum Beispiel ganz genau, dass der große Pickelige mit der Brille der große Pickelige mit der Brille ist. Mein Probleme sind andere und so schreiben sie sich: Fan Zyiu, Shen Ningyuan, Gong Zihan, Li Linxian, Chen Tianxing, Liu Shu, Tang Yuhua, Wang Shu, Chen Shaohuai, Ma Yuyan, Liu Jiayi, Zhang Xiaoya, Hou Jiaya, Li Wenwei, Zhou Tianyu, Chen Guoyuan, … usw!
Chinesen geben sich auch nicht damit zufrieden, beim Vor- oder Nachnamen genannt zu werden. Der ganze Name muss es sein. Dank der chinesischen Töne klingt dabei ein Name oft nach dreien. Ich unterrichte sie seit einem Monat, aber ich kann nur wenige beim Namen nennen. Das ist mir peinlich. Viele Chinesen geben sich, genauer: lassen sich europäische Namen geben. Aber nachdem ich zwei mal darüber nachgedacht habe und erfahren habe, wie diese Namen zustande kommen, will ich sie nicht nutzen. Ich muss wohl Namen lernen.
Ich mag meine Studenten, nicht trotz, sondern weil sie Anarchisten sind. Außerdem geben sie witzige Antworten, wenn ich ihnen im Unterricht Fragen stelle. Einmal war die Aufgabe, die Route ihrer Traumreise zu notieren und auch zu erklären, warum sie wohin wollen. Meine Studenten wollten in die Antarktis: Pinguine verprügeln. Eine wollte nach Russland und in die USA, weil Putin und Obama sexy seien. Eine Gruppe hatte ihre Reiseziele mit Illustrationen versehen. Die üblichen Sachen halt, Freiheitsstatue, Eiffelturm usw. Die Illustration zu Japan war ein Wurm, der von einem Küken gefressen wird. Auf Nachfrage bekam ich die Erklärung, dass das Küken China und der Wurm Japan sei. Warum auch immer. Eine rein weibliche Reisegruppe sagte, sie wollen nach Russland, denn in Russland gäbe es die schönsten Frauen der Welt, die wollten sie sich anschauen. Ich werde wohl nie diese süß unschuldig lächelnden Chinesnnin vergessen, die zum Frauen-Kucken nach Russland wollen. Eine von ihnen war Li, die sich Lizzie Li nennen lässt. Li ist eine große Kämpferin für Schwulenrechte. In zwei Aufsätzen, die sie schreiben musste, deren Themen nichts mit Homosexualität zu tun hatten, hob sie an zu einen Plädoyer für die Gleichberechtigung von Schwulen. Aber auch ihr eigenes Geschlecht vergisst sie nicht. Als ich sie einmal im Unterricht fragte, warum es so viele Singles in China gibt, stand sie auf, strich ihre Kleidung zurecht und hielt eine Rede:
Wenn mich meine Eltern fragen, warum ich nicht wollen heiraten. Sagen ich, dass mir scheißegal! (…) Heute ein Frau kann alles machen. Heute eine Frau müssen können alles machen dürfen! Ich sagen, ich können alles! Wo ich brauchen einen Ehemann?
Gut über die Konjugation müssen wir nochmal sprechen, die Emanzipation hat sie verstanden, inhaltlich gab es eine 1. Ich mag Li und muss mir nur noch überlegen, welche interessanten Fragen ich ihr als nächstes stelle.
Je mehr ich höre, was manche jungen Leute hier sagen, desto mehr glaube ich, dass die Partei sich warm anziehen muss. Die junge Generation lernt denken, denkt munter weiter und wenn man schon ein Tabu zu Bruch gedacht hat, warum sollte man dann aufhören, wo’s gerade soviel Spaß macht. Sie sind alle Anarchisten, die sich als brave Studenten verkleidet haben. Es dominieren Hornbrillen und Rüschenkleidchen. Aber unter der Blümchenspange im Haar steckt ein Kopf, der das neue China genau beobachtet.
Einmal, in der ersten Woche in China nach dem Unterricht, kam eine kleine Schülerin auf mich zu und fragte mich, ob ich einmal mit ihnen ausgehen würde. Sie nickte zu ihrem Tisch. Ich hörte den Plural, sah ihr Nicken und sagte zu. Aber das ist eine andere Geschichte.




und dann …

Schreiben, schreiben, schreiben! Ich will schreiben, aber ich schreibe nicht. Das liegt an mir und meinem Leben. Auch wenn viele meinen, Ich und mein Leben, das sei ein und dasselbe, handelt es sich doch um zwei Dinge, die sich nur hin und wieder überschneiden und gleichen.
Mein Leben, das ist, was mir passiert in China, das ist der Lärm, die Straßen, die Frauen, das Essen aber vor allem meine Arbeit, mein Wohnheim und meine neuen Freunde.
Ich, das ist, was ich will und was ich mache. Leider habe ich mich verändert in den Jahren; wenn ich früher mit nichts und einer Flasche Bier zufrieden war, will ich heute mehr. Oder besser: erwarte ich mehr von mir. Zur Zeit will ich meine Arbeit gut machen und dabei besser werden, einen guten Blog schreiben, Chinesisch lernen, viel Sport machen und etwas Freizeit haben. Meistens schaffe ich drei dieser Fünf, bevor die Woche um ist. Ich bin nicht zufrieden mit mir, oh nein. Ich habe schon überlegt, auf meine Freizeit zu verzichten. Aber das geht nicht, erstens kann ich es nicht und zweitens passieren in der freien Zeit oft die Dinge, über die es sich später zu schreiben lohnt.

Der Lärm und Ich
Ich muss gestehen, ich, der sich so gern als Reisenden sieht, habe einen kleinen Kulturschock. Obwohl, es ist nicht die Kultur, die mich erschreckt. Es ist der Lärm. Wo man hinkommt, egal wann man kommt, der Lärm ist schon da. Ich habe keinen Kulturschock, ich habe einen Soundschock.
Die Chinesen hupen, als würde es um ihr Leben gehen. Aber das ist falsch, es geht um dein Leben. Wenn ein Chinese hupt, dann ist er mit seinem Moped hinter dir und du musst springen. Die Chinesen schreien, als stritten sie, dabei reden sie über das Wetter. Vielleicht reden sie auch über mich, was ich verstehen kann, ich rede auch gern über mich, aber ich schreie doch auch nicht. Dazu dröhnt aus jedem Laden und jedem Lädchen laute Musik. Chinesischer Schlager oder amerikanischer Hip-Hop, aber das ist eigentlich auch egal. Im Eingang vieler Läden steht dann eine lokale Schönheit, die mit Mikro die Angebote des Ladens anpreist. Wenn sich der Laden keine Lady leisten kann, dann haben sie ihr eigenes Geschrei aufgenommen und lassen es per Endlosschleife ablaufen: Das klingt grässlich. Fast wünscht man sich die Hupen, aber die sind eh immer da. Wenn irgendein Chinese meint, es sei zu leise, dann brennt er ein Fass Feuerwerk ab. Das vertreibt die bösen Geister und mich, hilft aber leider nicht gegen meinen Kater. Sollte man einmal eine einsame Straße gefunden haben, in der es leise ist, weil kein Chinese da ist, dann schreit der erste Chinese der auftaucht laut HALLO!, vor Freude einen Ausländer für sich allein zu haben.
Und ich sage euch, wenn noch so ein Moped von hinten hupt, dann! Dann werde ich… , Ich …, Dann weiß ich auch nicht, was ich dann mache. Rache!
Immer wenn mich auf Reisen meine Eindrücke, oder die Lautstärke überwältigen, hilft mir mein altes Mantra: Der Exot bin ich.
Denn die Chinesen machen alles richtig, schließlich sind wir in China. Und nicht nur in China machen sie es richtig. Ich erinnere mich an Gespräche, die ich auf langen Reisen mit anderen Deutschen führte.
„Der Inder an sich ist laut“, stimmten wir überein.
„Der Araber brüllt gern.“
„Was ich aus Spanien vermisse, sind die lauten Bars, die sind so laut, dass man sein eigenes Wort nicht versteht“, erzählte mir eine Spanierin in Berlin.
Freunde, wir müssen der Wahrheit ins Gesicht schauen: Wir sind die Stillen. Lärmbelästigung, Ruhestörung: Deutsche Worte.
Wir sind leise und distanziert, oft machen wir keinen Unterschied, weil uns niemand bemerkt. Einen Chinesen oder Inder, der’s darauf anlegt, übersieht niemand. Der Deutsche ist der, der beleidigt im Hintergrund steht und sich die Ohren zuhält. Im russischen und polnischen lautet das Word für uns Deutsche не́мец bzw. Niemiec. Geht man zur Sprachwurzel, heißt das der Stumme. Meine Lieblingssprachwissenschaftlerin meint, das bezöge sich darauf, dass der Deutsche keine ordentliche slawische Sprache beherrschte. Ich meine, der Name kommt daher, dass die Deutschen, egal welche Sprache sie sprechen, so leise sind.
Während wir am Rande stehen und denken: Ruhestörung!, Lärmbelästigung!, haben die anderen einen Heidenspaß.
Aber ich habe meine Lösung gefunden. Ich werde mir eine Hupe kaufen, eine tragbare, eine laute Hupe, werde ich mir kaufen. Und der nächste Mopedfahrer der mich anhupt…
Das ist Rache, das ist Integration: Ich werde Spaß haben!

Das Wohnheim und ich
Das Wohnheim liegt glücklicherweise abseits der Straße, es ist recht still hier. Von außen ist mein Heim vor allem hässlich, doch auch wenn es kaum hässlicher sein könnte, ist es doch schöner als alle Neubauten Jekaterinburgs. Auch wenn man in China in einen omnipräsenten Smog getaucht ist, habe ich hier das Gefühl frei atmen zu können und aufrecht gehen zu dürfen. In Russland musste ich mich, obwohl alles weit und groß ist, ständig bücken. Die Diktatur Chinas hingegen ist eine politische, sie mischt sich nicht ins Private. In Russland schien das Lächeln verboten, wahrscheinlich ist den Russen aber das Lachen von allein vergangen. In China wird viel gelächelt, ich weiß zwar nur warum sie lachen, wenn sie über mich lachen, jedoch illuminiert selbst der chinesische Spott die Straßen der Stadt und taucht die hässlichsten Häuser in ein angenehmes Licht.

Über das Lachen:
In Deutschland wird, vergleichen wir uns mit unseren europäischen Nachbarn, wenig gelacht. Dazu kommt, dass wir
meinen, über das falsche zu lachen. Wir meinen, das unser Humor humorlos sei. Wir wären gern, selbstironisch wie die Briten, explosiv wie die Iberer, romantisch wie die Gallier usw. Da sage doch irgendwer noch einmal, dass die Deutschen nicht komisch seien. Egal, viele Deutsche denken gern von sich, sie lachten zu wenig und wenn, dann über das falsche. Ich stimme insoweit zu, dass anderswo mehr gelächelt und gelacht wird. Es sei denn, dieses Anderswo ist zufälligerweise Russland. In Russland wird nicht gelacht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Das russische Lachen gehört denen, die es sich verdient haben oder dessen Recht es ist, von Geburt aus: den Freunden und der Familie. Russen misstrauen dem westlichen „anbiedernden, falschen“ Lachen. Mir wurde gesagt, dass eine typische großmütterliche Ermahnung an ein übermütiges Kind laute: „Lache nicht soviel, du verbrauchst dein Glück.“ Das ist für mich das brutalste, was man einem Kind sagen kann. Fast sehe ich Wanjuscha und Manjetschka, wie sie die Hände vor dem Mund zusammenschlagen, wenn sie sich beim Lachen erwischt haben: „Oh nein, wieder etwas Glück verlacht.“
In China ist das anders. Hier wird ständig gelacht. Wenn auch über andere Dinge als bei uns. Auch bedeutet das Lachen etwas anderes als in Europa. Wann, warum, wozu gelacht wird, habe ich noch nicht herausgefunden. Aber ich bleibe am Ball. Sicher ist schon mal, das Chinesen sehr gern über Weiße lachen. Dass das so ist, ist leicht zu beweisen. Zum einen hängen in jedem Bus Fernseher. Das übliche Programm zeigt Europäer, die irgendetwas falsch machen oder einen Unfall bauen. Die Chinesen lieben es zu sehen, wie sich Europäer lächerlich machen oder verletzen, darüber lachen sie gern. Der zweite Beweis bin ich selbst. Viele Chinesen lachen, wenn sie mich sehen. Ob sie aus Scham oder Begeisterung lachen oder einfach, weil ich lachhaft bin, weiß ich nicht und bis ich es herausgefunden habe, ist es auch nicht wichtig. Bis dahin lache ich einfach mit: wer nicht über sich selbst lacht, sollte über gar nichts lachen. Wer das nicht versteht, der hat auch nicht verstanden, worum es beim Lachen geht: Lachen macht glücklich. Wenn ich glücklich werden kann, weil andere mich für lachhaft halten, dann ist das nicht mein Schaden.

Vor dem Wohnheim liegt eine Art See. Er ist zumindest groß wie ein See*. Ich befürchte, dass ich, wenn ich in den umliegenden Restaurants Fisch bestelle, etwas aus diesem See bekomme. Aber immer wenn ich daran denken muss, stecke ich mir einfach die Finger in die Ohren und singe laut, denn der Fisch ist lecker.
An dem „See“ liegt ein eine Art Slum, in den ich Nachts keinen Zeh stecken würde, durch dessen Gassen ich aber am Tag gern laufe. Zwischen, vor und hinter den Häusern und Hütten betreiben die Anwohner Landwirtschaft. Entlang der Felder fließen Bäche, die schlimmer stinken als ich nach einer durchzechten Nacht. Ich denke, dass auch dieses Gemüse schon auf meinem Teller gelandet ist, aber was soll’s, ich singe gern mit vollen Mund.
Zwischen meinem Wohnheim und der Straße liegen die Schlafsäle der proletarischen Studenten, die sich solidarisch kleine Zimmer mit vielen Betten teilen müssen.
Zwischen den Schlafsälen liegt ein großes Freilichtrestaurant. Überall wird gebraten und gebrutzelt. Gekocht und gegart. Und gegessen. Chinesen scheinen den ganzen Tag zu essen, Essen ist in China das, was in Deutschland Fußball und Bier ist: ein nationales Hobby. Die Chinesen haben ein erotisches Verhältnis zum Essen. Vielleicht bin ich ja auch Chinese. Selbst wenn ich drei Jahre hier bleibe, kann ich nicht alle Gerichte probieren, die in den umliegenden Straßen angeboten werden. Das ist ein Problem, denn (fast) alles ist lecker, auch der Fisch und das Gemüse.
Innen ist das Wohnheim sauber, geradezu steril. Zumindest sind das die netten Worte, die mir einfallen. Die Stimmung in seinen leeren Fluren schwankt zwischen Nervenheilanstalt und leisem Horror. Glücklicherweise sind die Flure selten leer.
Denn das Wohnheim ist bewohnt, hier wohnen die Wohnheimbewohner, eine Pförtnerfamilie und ich. Die Wohnheimbewohner wohnen hier, die Pförtnerfamilie wünscht, sie täten es nicht, und ich sollte es eigentlich nicht. Zumindest dann nicht, wenn man glaubt, was in Arbeitsverträgen steht. Ich war da wohl etwas naiv, aber das war mein erster Arbeitsvertrag, zumindest der erste, den ich gelesen habe. Nun bin ich, statt in einem Apartment zu wohnen, im Wohnheim untergebracht. In den nächsten Semesterferien soll ich mein Apartment bekommen, vorerst habe ich einen Schlüssel, der mir viele Freunde verschaffen könnte, wenn ich ihn nutzte.
Die Wohnheimbewohner kommen aus der ganzen Welt und aus China. Die aus der Welt sind Austauschstudenten aus der ersten und Stipendiaten aus dem Rest der Welt. Gemeinsam machen sie aus der sterilen Nervenheilanstalt ein multikulturelles Irrenhaus.
Auf meiner Etage wohnt beispielsweise ein jemenitisches Dorf. Scheinbar herrscht im Wohnheim eine Art Apartheid. Zumindest werden die Studenten nach Nationalitäten in Schubladen bzw. in Etagen gesteckt. Warum ich bei den Arabern wohne, weiß ich nicht. Wenn ich in meinem Zimmer bin und Stimmen höre, dann sprechen diese jedenfalls auf Arabisch zu mir. Wenn die Stimmen besonders laut sind, weiß ich, dass sie gemeinsam essen. Wenn ich dann das Zimmer verlasse, darf ich mitessen. Die Stimmen, das sind Khaled, Hammed und andere. Zum Essen breiten sie eine Plastikfolie auf dem Flur unserer Etage aus und sitzen im Kreis um eine große Schüssel, angefüllt mit Reis, Gemüse und Fleisch. Wenn ich mich zu ihnen setzen möchte, rücken bereitwillig alle Hintern zur Seite um Platz für einen weiteren – meinen – zu machen. Gegessen wird mit den Händen, dabei wird viel geredet und geschmatzt. Hin und wieder bekomme ich eines der seltenen Fleischstücken gereicht – eat, eat. Arabische Gastfreundschaft in China.
Irgendwann fragten sie mich, wie ich es mit Israel und Palästina halte.
Ich versuche, es mir leicht zu machen und sage richtungslos: „Idioten.“
Doch das funktioniert nicht.
„Wer ist der Idiot?“, fragt Khaled.
Da muss ich nicht lange überlegen: „Israel“, sage ich und Jemen war glücklich.
Nun, ich sehe die Sache zwar etwas differenzierter, aber um meine Nachbarn freundlich zu stimmen, so dass sie auf mich und meine Tür achten, würde ich die dritte Intifada ausrufen.
Die Jemeniten sind keine Austauschstudenten, sie feiern nicht, sie studieren. Und sie leiden, sie vermissen ihre Familien, ihr Land und ihr Essen. Das chinesische Essen ist ihnen zu scharf. Sie müssen viel studieren, zusätzlich zu dem „normalen“ chinesischen Studienprogramm müssen sie jeden morgen zwei Stunden Chinesisch lernen.
Die chinesischen Wohnheimbewohner sind hier, weil sie die Kinder ihrer Eltern sind; d.h. ihre Eltern sind reich. Auf Nachfrage leugnen sie dies zwar, aber nur um später zu erzählen, dass ihre Väter – Ihre Mütter besitzen ihre Väter – Fabriken besitzen. All meine Schüler wohnen hier. Meine Vorgesetzte erklärte mir einmal, dass es jedes Jahr viel Arbeit sei und lange dauere, die Studenten, die an dem Programm teilnehmen dürfen, auszuwählen. Das Programm ist begehrt, da es erlaubt, in Deutschland zu studieren. Vielleicht erleichtert den Zugang zum Programm dieselbe Qualifikation, die chinesischen Studenten ermöglicht, im internationalen Wohnheim unterzukommen: Reiche Eltern.
Manchmal, wenn ich in meinen Zimmer liege und mich deutsch verhalte – d.h. ich will meine Ruhe haben –, und draußen die Chinesen sowie auf meiner Etage die Araber Krach machen, dann kann ich nur dankbar sein für mein Leben. Als Europäer zu leben, heißt besser zu leben, als ein König im Mittelalter. Und schlimmer noch: Unsere Privilegien verfolgen uns durch die ganze Welt. Die Araber auf meiner Etage müssen härter studieren, als ich es je musste und nur wenige von ihnen, werden irgendwann besser bezahlt werden, als ich heute. Immerhin wohnen sie – wie ich – in Einzelzimmern mit Klimaanlage. Die Chinesen im internationalen Wohnheim haben Zwei- oder Vierbettzimmer mit Klimaanlagen. Die Chinesen in normalen Wohnheimen „leben“ in Achtbettzimmern ohne Klimaanlagen. So zu leben, in Achterzimmern zu wohnen, kann ich mir nicht vorstellen. Unter diesen Umständen zu studieren oder zu arbeiten, erscheint mir unmöglich.
Nun gut, ich muss es auch nicht. Gezeigt zu bekommen, wie verwöhnt ich bin, tut mir aber sehr gut. Es relativiert meine kleinen Eingewöhnungsprobleme und macht mich bescheiden.
Die internationalen Austauschstudenten wohnen in Einzelzimmern und haben nichts zu tun. Deshalb saufen sie und reden:
„Ich will endlich, was Gelbes ins Bett bekommen“ „Das chinesische Essen ist zu scharf“
„Die Toiletten stinken“ „Chinesische Frauen sind so süß beim Sex.“
„Ich habe gesehen, wie sie auf die Straße gekackt hat.“ „Sie haben alle kleine Schwänze.“
„Da hat das Kind einfach auf die Straße geschissen.“
„Ich will endlich mit einer Chinesin schlafen“ „Ich habe einen großen weißen Penis!“

„Prost!“ „Ich bin stinksauer!“ „Scheiß Chinsen“ „Wo bekommt man hier eine gute Pizza“
„Mir ist schlecht“

Besonders die Toiletten-Geschichten werden gern mit einer Leidensmiene erzählt, wie ich sie sonst nur aus Reportagen aus Kriegsgebieten oder über vergewaltigte Kindern kenne. Wobei ich zugeben muss, dass ich mich bisher an die altdeutsche Weisheit halte: Gegessen wird auswärts, aber geschissen wird zuhause.
Wenn den Wohnheimbewohnern das solide Saufen langweilig wird, spielen sie Trinkspiele und das am liebsten mit chinesischen Mädchen; sie hoffen, dass der Alkohol aus dem guten Mädchen eine Frau macht. Bis jetzt habe ich von keiner geglückten Transformation gehört. Da es eine Art Ausgangssperre gibt, wird oft auf dem Zimmer eines Freiwilligen gefeiert und gespielt. Das ganze ist ungefähr so, wie ich mir amerikanische College-Partys vorstelle. Hauptbeschäftigung auf meiner einzigen Party war, mit Tischtennisbällen auf fremde Biergläser zu schmeißen, wenn man ins Glas traf, musste der Besitzer austrinken. Das war lustiger als es sich anhört. Zumindest bis zum nächsten Morgen. Als ich aufwachte, wünschte ich mir sofort, ich hätte es nicht getan. Tot zu sein oder noch einmal zum Islam zu konvertieren und diesmal alle Regeln zu befolgen, waren echte Alternativen. Als sich langsam andere Erinnerungen an den Abend aus den Dunst befreiten, versank meine Selbstachtung weiter im Nebel. Besonders „gern“ denke ich an die missglückten Versuche meine Nachbarin zum Küssen zu überreden oder den Moment, als ich wiedermal damit beschäftigt war, einen Tischtennisball aus meinem Bier zu fischen und ein paar meiner Schüler die Party enterten. Sie sahen mich von vorn entgeistert an, während von hinten ein Deutscher schrie: „Trink, du Schlampe!“ Eine SMS reisst mich aus meinen Erinnerung. Der erwähnte Deutsche schrieb:

Ich wurde gerade wach.
Entschuldige, dass ich deinen Schülern versucht habe zu erklären,
was „trink, du Schlampe“ heißt.

Dann sind da eben noch zwei Deutsche. Es gibt zwar auch Amis, Italiener und Franzosen, aber der Macht der Exilgemeinschaft bin ich nicht entkommen. Am meisten treffe ich die beiden. Es sind zwar BWLer, aber ich mag sie trotzdem. Mit dem einen gehe ich trainieren, mit dem anderen saufen. Gut, auch der eine kann saufen, der andere macht es aber lieber und öfter, erstaunlich ist eher, dass ich öfter trainiere, als saufe.
Der andere säuft tatsächlich zu oft für mich, aber die Art wie er ans Land herangeht, ohne nüchtern zu bleiben, erinnert mich an einen alten Freund, der immer bei mir ist.
Der eine wurde – so wie er redet – in der Bundeswehr sozialisiert, der andere überall. Sein Vater war im Auswärtigen Dienst und mit seinen 23 Jahren hat er wahrscheinlich schon in mehr Ländern gelebt, als ich mit meinen 38. Er lebte auch schon 5 Jahre in China, in Shanghai. Das war zwischen seinem 13. und 18. Jahr, nach eigenem Bekunden war er in dieser Zeit immer betrunken und nie zuhause bei seiner Familie. Gemeinsam halten die beiden mich von vielem ab, was ich mir vorgenommen habe, – der Vorwurf geht nicht an sie, sondern an mich – wie z.B. mehr zu schreiben oder Chinesisch zu lernen.
Gerade gestern, als ich schreiben wollte, riefen sie mich von meinen Balkon herunter, weil sie mich für ein Frisbeespiel brauchten. Sie spielten eine Mischung aus Frisbee und Rugby. Nach 10 Minuten war ich ohne Fremdeinwirkung zweimal umgeknickt und humpelte (floh) vom Spielfeld. Ich bin älter und Deutschlehrer geworden und bin nach China gezogen, aber ich bin immer noch ein Weichei. Das macht aber nichts, die BWLer mögen mich trotzdem.

Ganz oben in der Hierarchie des Wohnheims stehe natürlich ICH (→ neue Bescheidenheit) und das kann ich beweisen. Nachts, ab 23 Uhr ist Sperrstunde, dann werden alle Türen abgesperrt, dann verwandeln sich die Wohnheimbewohner in Höhlenbewohner, die nicht herauskönnen, auch nicht wenn es brennt. Für die Chinesen scheint das in Ordnung zu sein, für den Rest der Welt im Wohnheim ist es das nicht. Aber am schlimmsten ist es für die Pförtnerfamilie. Denn die Pförtnerfamilie steht ganz unten in der Hierarchie des Wohnheims. Die Pförtner haben gleich links neben dem Haupteingang ihre Rezeption, die auch ihre Wohnung ist. Ich glaube nicht, dass sie für ihre Arbeit viel mehr bekommen als diesen Wohnraum. An der Tür hängt ein großes Schild, auf dem man in vielen Sprachen lesen kann, dass, wer zu spät kommt, draußen bleiben müsse, dass die Pförtner die Tür für niemanden öffnen würden. Die Chinesen kommen selten zu spät nach Hause. Wenn sie es doch tun, lassen sie sich ausschimpfen und bringen der Pförtnerfamilie kleine Geschenke. Irgendwelche Austauschstudenten kommen jede Nacht so spät, dass es schon wieder früh ist. Jedoch darf der arme Pförtner sie weder ausschimpfen, noch bekommt er Geschenke. Jede Nacht wird er mehrfach geweckt, jeden Morgen sieht er fertiger aus. Seine Bezahlung ist eine Wohnung, die ein Durchgangszimmer für respektlose Ausländer ist. Ich werde ihn nicht mehr wecken ‑ weil ich nämlich wichtig bin, habe ich einen Schlüssel für die Hintertür bekommen. Ich darf kommen und gehen, wann ich will. Nur bin ich, seit dem ich den Schlüssel habe, nicht mehr ausgegangen. Ich werde halt erwachsen. Ich bin ein seriöser verantwortungsbewusster Lehrer. Und ich bin wichtig, schließlich habe ich einen Schlüssel.
Nachtrag:Seit gestern braucht man eine Magnetkarte, um das Wohnheim zu betreten oder zu verlassen. Die Magnetkarte ist der Studentenausweis. Da ich kein Student bin, habe ich keinen Ausweis. Seitdem das Kartensystem installiert wurde, ist mein Schlüssel ganz nutzlos. War ich vorgestern noch der einzige, der kommen und gehen konnte, wie er wollte, bin ich jetzt der einzige, der das nicht kann. Ich bin der Volksrepublik China sehr dankbar für ihre fortgesetzten Bemühungen, mir Bescheidenheit beizubringen, hätte aber trotzdem gern eine Magnetkarte.

* Die Ausdehnung entspricht einem See, der Rest ist Tümpel




Am Anfang …

Am Anfang…

Eigentlich wollte ich mit dem Satz beginnen: Gestern bin ich angekommen, heute bin ich immer noch nicht hier. Doch vor ein paar Tagen hat mich meine Großmutter daran erinnert, dass einer der ersten Einträge in mein Russlandbuch mit den Worten endete: ich sei zuhause. Das Gefühl zuhause zu sein, habe ich auch heute, habe ich auch hier in China. Damals in Russland fand ich das Gefühl der Heimat in den Armen einer Frau, die ich zu sehr liebte. Heute kommt es aus den Bildern meiner Kindheit. Denn die Straßen Changshas sind so wie diese, sie sind voll Leben, voller Gerüche und Augenblicke. Sie erstrahlen in einer Art von anarchistischen Energie, die ich in Berlin nicht kenne. Als ich 5 Jahre alt war, nahm mich meiner Mutter für fast zwei Jahre nach Asien. Später begleitete ich sie noch oft auf ihren Reisen. Mit nach Hause nahm ich ein Heimweh nach der Ferne und einen Hunger nach Erfahrungen, den ich nicht stillen kann. Dafür bin ich meiner Mutter ewig dankbar, denn dieser Hunger machte aus Leben Erleben.
Auf mein Leben, mein Erleben, meine Kindheit und mich werde ich in diesem Blog noch öfter kommen, heute werde ich mich aber damit begnügen, über Gestern und Heute zu schreiben, bevor diese neuen Augenblicke untergehen.

17.09.13
Gestern kam ich in China in Changsha an. Ich komme als Sprachlehrer. Das ist nichts Ungewöhnliches, viele Europäer gehen heute nach China und einige von ihnen arbeiten als Sprachlehrer. Für mich ist es allerdings genau das Richtige, mir fällt gerade nichts ein, was ich lieber täte. Gestern nachmittag kam ich in Changsha an und obwohl ich mit meinem Arbeitsvertrag in der Tasche kam, wurde ich nicht abgeholt, sondern musste selbst meinen Bus in die Stadt finden. Das war sehr einfach. In der Tat war es so einfach, dass ich ein wenig enttäuscht war. Schließlich sind es ihre Schwierigkeiten, die eine Reise ausmachen. Am Endbahnhof wurde ich dann endlich erwartet. Jasmin He wurde von der Uni als Betreuerin für meine ersten Tage abgestellt. Die Arme ist jetzt schon müde. Meist fragt sie mich, was ich machen möchte, wobei ich Hilfe bräuchte. Was ich ihr dann sage, worauf sie mit mir macht, was sie für richtig hält. Dies ist keine Beschwerde, denn mit den Resultaten ihrer Bemühungen, bin ich sehr zufrieden. Schon im Taxi warnte sie mich mehrfach, dass mein Apartment sehr klein sei. Im Laufe der Warnungen wechselte sie vom „Versprechen“ Apartment, zur Beschreibung „Zimmer“. Tatsächlich stellte sich dieses dann als ein Zimmer im Studentenwohnheim heraus. Mit meinem Zimmer und dem dazugehörigen Bad kann ich leben, stören tut mich zum einem, dass meine Küche eine Gemeinschaftsküche ist und dass das Studentenwohnheim um 23 Uhr seine Tore schließt. Ich glaube gar nicht, dass ich so oft später nach Hause kommen werde, aber ich möchte es können, wenn ich es will. Nachdem ich heute das Thema ansprach, versicherte meine Chefin Frau Peng – gesprochen Pong – mir, dass ich bald als Einziger im Wohnheim einen Schlüssel für die Haupttür bekommen werde und dass sie mir in den nächsten Monaten das versprochene Apartment suchen würde. Der Nachteil am eventuellen Apartment wäre aber, dass ich weiter weg von der Uni in einer ruhigeren Wohnung lebte. Das mit der ruhigeren Gegend wäre sehr schade, denn meine Nachbarschaft ist so wie ich Asien liebe: ein Labyrinth aus kaputten Gassen, ein Gedränge aus mobilen Garküchen, ein Irrgarten aus Gerüchen. Auf meinem Stockwerk im Heim wohnen außer mir eigentlich nur Araber und Schwarzafrikaner. Das ist nicht das, was ich erwartet habe, aber auch nichts, was einen überraschen muss, wenn man ein zweites Mal nachdenkt.
Nachdem ich gestern mit Jasmin zum Abendessen war – sehr lecker ‑ wollte ich noch ein Bier trinken in diesen Straßen. Zuerst fand ich keines in den kleinen Läden, in denen ich suchte. Immer wieder wenn ich bierlos einen der Läden verließ, hörte ich ein Kichern von einer Gruppe junger Mädchen, die mich beobachtete. Als ich weiterging, lief eines der jungen Frauen mit einem Lachen an mir vorbei. Bald kam sie wieder und brachte mir ein Bier. Leider wollte sie es nicht mit mir trinken, sondern verließ mich kichernd und glücklich, um sich wieder in ihrer Horde zu verstecken. Schade, ich mochte sie. Mein Abendbier trank ich dann allein auf einer wackligen Bank mit Blick auf ein fröhlich schwatzendes Gedränge aus Studenten und rollbaren Restaurants vor den Toren einer Kungfu Schule. Durch das Fenster der Schule konnte ich beobachten, wie sich die Schüler verprügelten. Auf mehr China konnte man am erstem Abend kaum hoffen. Später setzte sich Hamed, einer der Afrikaner, aus meinem Stockwerk zu mir. Aber er wollte nicht wirklich mit mir sprechen. Wahrscheinlich setzte er sich nur, weil ich ihn gegrüßt hatte. Hameds Meinung nach sei es sehr schwer, Kontakt zu Chinesen zu finden, da diese sehr schüchtern seien und kaum Englisch könnten. Wir werden sehen, dachte ich.

18.09.13
Noch am vorigen Abend hatte ich überlegt, mehr als ein Bier zu trinken, ließ es dann aber sein. Am Morgen war ich sehr dankbar über meine Entscheidung, denn Jasmin stand vor der Tür. Nicht etwa wie verabredet um 11 Uhr, sondern schon um halb acht. Schon bevor Jasmin mich weckte, hatten mich ein paar schreiende Chinesen aus dem Schlaf gerissen. Vor meinem Balkon stand eine Schar junger Männer und Frauen im Pseudouniformen. Diese Uniformen waren mir schon am ersten Abend aufgefallen. Sie sahen so billig aus, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine ernsthafte Armee oder ein Berliner Armeeladen sie in ihre Kollektion aufnehmen würde. Hier in Changsha sieht man sie überall, allerdings ist das chinesische Militär eine sehr ernsthafte Veranstaltung. Wunderbar, wie immer, wenn Dinge nicht zusammenpassen, erwacht meine Neugier. Jasmins Erklärung war folgende: Das sind die Studenten im ersten Semester. Die Unileitung hat bestimmt, dass alle neuen Studenten zunächst ein zweiwöchiges Training absolvieren müssen, das ihnen helfen soll zu verstehen, dass ein Studium harte Arbeit ist, die ein starkes Herz und Leidensbereitschaft erfordert. Ich sagte nichts.
Im Laufe des Tages eröffnete mir Jasmin ein chinesisches Bankonto und ging mit mir verschiedene langweilige Dinge kaufen. Dinge eben, die man braucht, auch wenn man sie eigentlich gar nicht haben will. Dabei kamen wir an einem großen Sportplatz vorbei. Überall auf dem Sportplatz standen und exerzierten Erstsemestler in der gleißenden Mittagssonne. Welchen Sinn hat es, Menschen die lernen sollen, zunächst in die Hitze zu stellen? Wie hätte ich reagiert, wenn mein Studium so begonnen hätte? Füllt dort auf dem Sportplatz einer im Geiste seine Exmatrikulationspapiere aus? Leiden sie, oder sind sie stolz? Fühlen sie sich schikaniert oder trainiert? Erwarten sie etwa, bessere Menschen zu werden? Ich denke, das Wort, das ich suche, schreibt sich Initiationsritus. HOP, HOP: die Rennbahn entlang marschiert, sie machen einen Studenten aus dir und der Student, der marschiert, marschiert im Gleichschritt einer glorreichen Zukunft entgegen, oder zumindest ins nächste Einkaufszentrum. Abends sehe ich viele der Gedrillten und Initiierten wieder. Sie trinken Bier, lachen, flirten und tragen Garfield T-Shirts unter ihren Uniformen.
Später traf ich meine beiden Vorgesetzten Frau Peng und Professor Yang. Wir sprachen ein wenig über meine Arbeit. Professor Yang gab mir auch ein paar Reisetipps, riet mir aber davon ab, die heiligen Berge an den chinesischen Feiertagen zu besuchen, sonst sehe man beim Runterschauen nur Köpfe und beim Raufschauen nur Ärsche.
Der Abend begann wie der Morgen: mit Geschrei. Es war 20 Uhr, ich war müde, ich wollte nicht schlafen und draußen schrien die Chinesen. Ich nahm das persönlich, verstand es als Aufforderung auszugehen. Zuerst warf ich einen Blick von meinem Balkon. Der Ausblick ist am Tage nicht schön. Wenig modernes China, dafür viel rote Erde und noch mehr baufällige Häuser. Ich wohne im zweiten Stock, kann also nicht mal weit sehen. Manchmal ist das auch gar nicht nötig.
Auf den Hof vor meinem Balkon hatten sich wieder einmal die Initiationsoldaten versammelt. Sie hatten Spaß. Sie schrien nicht, sie kicherten. Manchmal sprach ein einzelner Mann in eine Flüstertüte, worauf die Hälfte der Belegschaft lachte und die andere Anfeuerungsparolen schrie. Geistreich dachte ich: Mrmpf: der Chinese an sich mag es laut. Etwas Essen, dachte ich, vielleicht ein Bier oder auch zwei, aber nicht mehr.
Auf meinem Weg passierte ich die kichernden Soldaten. Ich bin zu müde, sagte mein Körper; ich bin hungrig, knurrte mein Magen. Scheiß auf euch, dachte ich, und stellte mich zu der Gruppe und wartete darauf, bemerkt zu werden. Es passierte nichts. Als ich mir die Gruppe genauer ansah, fiel mir auf, dass fast alle Jungen links standen und fast alle Mädchen rechts saßen. Erwischt, dachte ich. Wieder betrat ein uniformierter Junge den freien Raum zwischen den Geschlechtern. Er sah jetzt wirklich aus wie ein Kind in Uniform, nicht Mann, nicht Student: Kind. Er murmelte etwas. Darauf kicherten alle Mädchen. Nun fast alle. Eine stand auf und stellte sich dem Jungen mit dem Megaphon gegenüber. Ich hatte zwar so meine Theorien, wollte es aber genau wissen und sprach den nächsten Chinesen neben mir an. Was passiert hier?
Währenddessen hatte das Kind mit dem Megaphon angefangen zu sprechen. Er richtete sich direkt an das Mädchen, die ihm wie in einem Duell gegenüber stand. Das arme Ding, das muss fürchterlich laut gewesen sein. Die Stimme unseres Helden klang, nun ja sie klang wie eine wilde Mischung aus Chinesisch, Stimmbruch und Nervosität, die mit einem hübschen jungen Mädchen konfrontiert wird. Er wand sich nach links und rechts und beugte sein Körper vor und zurück, als müsste er jedes seiner Worte zwingen.
Ich wiederholte meine Frage an den nächsten Chinesen. Er sah mich mit den erschreckten Augen eines jungen Chinesen an, der Englisch sprechen soll, dem aber nur theoretisch klar ist, wie das geht. „Liebe, Liebe“, sagte er.
Unser Paar der Mitte stand sich immer noch gegenüber. Der Galan hatte ausgestottert. Sein Mädchen sagte nichts, sah ihn an, nahm seine Hand und verließ mit ihm den Hof: Ein Happy-end.
Was passiert jetzt? Fragte ich.
One Night, One Night, kicherte ein Mädchen neben mir.
„Oh, darf ich mir auch eine aussuchen?“ Verdammt Kalle! Erst denken, dann sprechen.
Das Mädchen neben mir tauchte lachend ab.
Also wandte ich mich wieder meinem nächsten Chinesen zu und ließ mir erklären, was hier passierte. Ihr Unimilitärtrainer – Militärprofessor? Schikanendozent? – hatte diese Aktivität organisiert, um den jungen Männern und Frauen des Jahrgangs eine Gelegenheit zu bieten, sich kennenzulernen. Natürlich würden sie keinen Sex haben – die meisten nicht, dachte ich – sondern würden vielleicht mal miteinander ausgehen, fuhr er fort – Viel Glück, dachte ich. Ich frage meinen Chinesen, warum er nicht auf dem Platz stehe und eine Dame auffordere. Daraufhin begann er so heftig zu stottern, dass ich mich schämte. Mit 18 oder 19, denn ungefähr in dem Alter beginnt man hier zu studieren, hätte die ganze Militärmacht Chinas mich nicht zwingen können, an solch einer Veranstaltung teilzunehmen. Und hätten sie es doch geschafft, hätten sie mich auf die Bühne zwischen den Geschlechtern geschleift, wäre ich wahrscheinlich vor Schreck gestorben. Während mein Gesprächspartner weiter stotterte, tippte mir ein Nerd auf die Schulter. So etwas passiert außerhalb Facebooks seltener als man denkt. Den kleinen Mann, dem ich jetzt gegenüber stand, muss ich nicht beschreiben. Stellt euch einen chinesischen Nerd vor, gebt eine Brille ins Gesicht und etwas Fett auf die Hüften, bleibt jedem eurer Vorurteile treu und zieht ihm ein rotes T-Shirt über. Da ist er!
Er begann mit den üblichen Geplänkel. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Dann fragte er: „was kannst du mir über iciaai sagen?“
„Äh, Pardon?“
„IIII-CCCCC-EEEEE!“
„?“ machte ich.
„Der Zug!“
„Ach so, ICE!“
Der junge Nerd sah mich leicht säuerlich an. „Was kannst du mir sagen?“
„Nicht viel, ich bin kein Ingenieur“
„Aber wie ist das Gefühl, wie ist das Fahren, sind die Sitze bequem?“
„Ähh!“
Eine junge Frau rettete mich. Sie reichte mir kaum bis zum Ellenbogen und bestand größtenteils aus einem breiten Lächeln. Auch Sie wollte mit mir sprechen. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Langsam wurde es eng um mich. Alle wollten sie mit mir sprechen. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Schließlich fragte einer, was ich in China mache. Meine Antwort, dass ich Lehrer an ihrer Universität sei, löste einen wahren Freudentaumel aus. Alle wollten sie mir die Hand geben und die Schulter klopfen. Ich glaube, das laufende Lächeln hüpfte sogar ein wenig auf und ab. Vielleicht war ich der erste Universitätslehrer, der nicht von ihnen verlangte, Liegestützen zu machen. Einige wollten meine Telefonnummer haben, andere meine Zimmernummer wissen. Dann ertönte das Megaphon hinter uns. Der Schikanendozent rief zum Appell, na ja, zumindest rief er zu irgendwas. Und meine neuen Freunde mussten mich verlassen. Als ich das laufende Lächeln verabschiedete, hüpfte sie noch ein paar mal und lächelte so süß, dass ich schmolz. Der Nerd rannte mir noch ein paar Schritte hinterher und bat mich, ihm in Deutschland ein Model eines ICE zu besorgen. Man wird im Ausland oft mit merkwürdigen Wünschen konfrontiert. Eine Schülerin in Russland wollte Philipp-Lahm-Bettwäsche© und hier wollen Nerds ICEs.
Anschließend ging ich noch etwas spazieren, doch auch wenn mich die quirligen Straßen und Gassen Changshas wieder begeisterten, wusste ich doch, dass der lustigste Teil des Abends vorbei war. Obwohl… Die Straßen Ostasiens, dieses freudige Chaos mochte ich schon immer und es gefiel mir wieder. Manche fühlen sich vielleicht erschlagen von all den exotischen Eindrücken, mir hilft dann, mich zu erinnern, dass ich das einzige Exotische hier bin.
Nachdem ich etwas gegessen hatte, setzte ich mich an einen Straßenstand, trank ein Bier, rauchte eine Zigarette – ja, ja – und dachte an chinesische Frauen. Nun eigentlich sah ich sie an. Der Minirock war hier nicht aus der Mode gekommen und ihre Beine waren nicht zu übersehen. Noch besser allerdings ist, wenn sich die Blicke treffen und wenn ich dann lächele, dann lächeln sie zurück – alle. Das ist in Berlin seltener so, aber vielleicht fällt mir hier bloß das Lächeln leichter. Das Leben kann so schön einfach sein.
Schluck Bier – Minirock – Beine – Augen – Lächeln – Zug von der Zigarette.
Geil, so selbstbewusst fühlte ich mich zuletzt mit 22! Gleich nochmal! Als ich eine sehr moderne aussehende Frau samt Jeans und Tattoos anlächelte schenkte sie mir ihren bösen Blick. Ich verschluckte mich am Zigarettenrauch – hustete, ich bin einfach zu leicht aus dem Konzept zu bringen.
Nach dem zweiten Bier ging ich nach Hause. Auf dem Heimweg sah ich mehrere Erstsemestler in Uniform auf der Straße sitzen, sie saßen in Kreisen. In ihrer Mitte hatten sie Teelichter in Herzform aufgestellt und mit Rosenblättern aufgefüllt. Laut sangen sie gemeinsam chinesische Schlager. Chinesische Hippies in Uniform, die Datingspiele spielen. Wer hätt’s gedacht, ich hab’s nicht erwartet.
Zu Hause angekommen erwartet mich auf meinem Stockwerk einer der Chinesen, die mich im Hof kennengelernt hatten. Er nannte sich William. Alle jungen Chinesen haben sich scheinbar auch einen englischen Namen zugelegt, da wir Langnasen verbal behindert sind und ihre echten nicht beherrschen. Er hat mir ein Geschenk mitgebracht. Postkarten von Changsha. Ich bin gerührt. Chinesen sind schüchtern, von wegen. Später sendete William mir noch eine SMS, in der er fragt, wie ich heiße. Er spricht mich mit Sir an. Das gefällt mir. Vielleicht sollte ich mich „Kapitän, mein Kapitän“ nennen lassen. Es muss ja nicht gleich der große Steuermann sein.

Ich bin lange nicht zum Schreiben gekommen, da ich zum einem viel arbeiten muss und zum anderen so etwas wie ein Freizeitleben hier entwickle. Aber die letzten und die nächsten Tage hatte bzw. habe ich frei und heute versuche ich, etwas zu Papier zu bringen.

Die Stadt & Ich.
Herr Yang, ein chinesischer Professor, hat mir erzählt, dass man von der Universität in die Stadt bis zum Bahnhof laufen kann, er selbst mache das jeden Morgen. Das ist eh mein Plan für meine ersten Monate in Changsha. Ich gehe spazieren und erkunden. Dabei bin ich Mensch, ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Vorfahren einmal sesshaft waren.
Auf der Karte sieht der Weg weit, aber vielversprechend aus. Zuerst durchs Universitätsviertel – das kenne ich schon. Dann eine Zeitlang am Fluss entlang – bestimmt bekomme ich dort einen Snack und kann einen Tee trinken. Schließlich auf der größten Brücke der Stadt über den Fluss. Einen Zwischenstopp werde ich auf der kleinen Insel zwischen den Ufern Changshas einlegen. Dort gibt es eine große Mao-Statue und Orangenhaine. Hinter der Brücke geht es eine der größten, breitesten und modernsten Straßen Changshas entlang – das moderne China. Glücklich verlasse ich das Haus. Zunächst das Studentenviertel. Was ich hier mag, ist, dass es eben nicht so aussieht, wie ich mir das moderne China vorstellte. Die Häuser sind weder alt noch modern oder schön, aber das machen sie durch Baufälligkeit wieder gut, sie geben dem Viertel einen improvisierten Charme, den man nicht planen, der nur wachsen kann.
Leere Wände scheint es nicht zu geben, jeder Meter wird von einem kleinen Laden oder einem Restaurant beansprucht. Es gibt viel zu sehen und mehr noch zu hören – meine armen Ohren.
Östlich der Universität beginnt das Hügelland Hunans, direkt auf dem ersten Hügel wartet die Yule Akademie, die zweitälteste Universität Chinas. Noch habe ich sie nicht sehen können, doch an einem meiner ersten freien Tage, werde ich dort laufen gehen.
Das Leben im Viertel spielt sich ab entlang der Lushan Straße. Hier sind die größeren Geschäfte, Restaurants und Universitätsbauten. In den zahlreichen Seitengassen findet, wer sich traut zu suchen, kleine mobile Garküchen und schmale höhlenartige Restaurants für Studenten und Arbeiter. Im Angebot gibt es Dampfbrötchen mit Fleisch und Gemüsefüllung, Jaozi mit Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten, Kalmar am Spieß und ganze Enten geröstet. Ein ganzes Weltreich an Reis-, Nudel- und Suppenüberraschungen mit Gemüse, Fleisch und Fisch öffnet sich dem, der a la Carte bestellt, ohne die Karte lesen zu können, d.`h. ohne zu wissen, was er bestellt und bekommt. Wer wissen will, was er isst, der kann sich an Garküchen halten, die eine Art Bausatzsystem betreiben. Grundlage des Gerichts bilden dann Reis oder Nudeln und aus verschiedenen Schüsseln heraus kann sich der Gast aussuchen, welches Fleisch, Fisch oder Gemüse Geschmack geben soll. Zwischen den Gassen und Straßen des Viertels liegen viele kleine Tümpel, Teiche und Seen mit und ohne Pagode, die hauptsächlich den Zweck haben, dass die Stadtbewohner ihr Essen fischen können.
Wer nicht essen oder fischen will, kann auf einem der zahlreichen Sportplätze einem Ball nachjagen.
Das anarchistisch bunte Treiben auf und um den Straßen macht nicht den Eindruck von Unterdrückung. Hier kann man alles kaufen, was man braucht, noch viel mehr, was niemand braucht und ganz sicher bekommt man jedes Buch und jeden Film, der in den letzten Jahren in China verboten wurde.
Ich sitze am liebsten in oder vor einem kleinem Restaurant und beobachte Chinesen, chinesische Paare und Chinesinnen im Minirock. Wie gesagt, der erste Eindruck spricht von Freiheit, ob’s wirklich so ist, kann ich noch nicht wissen. Es ist aber auch nicht meine Absicht, einen politischen Blog zu schreiben, das sollen Leute tun, die etwas davon verstehen. Mal sehen, vielleicht mache ich’s, nachdem ich hier ein paar Jahre gelebt habe, nachdem es mir gelungen ist, chinesisch zu lernen. Die Hunan Universität genießt bei den Studenten Chinas übrigens einen ausgezeichneten Ruf, und der kommt aus der Freiheit, denn sie bietet eines der wenigen Campusgelände Chinas, das nicht eingemauert ist und nachts offen bleibt.
Das Studentenviertel, das sich am Abend, wenn ich zurückkomme, in ein Lichtermeer verwandeln wird, lassen wir hinter mir.
Bald habe ich den Fluss erreicht. Wo ich geschäftiges Straßenleben erwartete, gibt es nur eine verödete Uferpromenade. Wo ich essen und Tee trinken wollte gibt es nur Leere. Zu allem wird es auch noch langsam heiß. Sehr heiß. Und die Brücke, auf der ich den Fluss überqueren wollte, ist weit weg, sie verschwindet im Smog. Nun, auf in den Kampf Genossen, Laufen ist mein Leben, und um eine neue Stadt zu entdecken, gibt es nichts besseres. ½ Stunde später erreiche ich die Brücke. Zumindest mein schweißklebriges Selbst ist hier, den Rest habe ich auf dem Weg gelassen. Nur noch die Brücke, denke ich, die halbe Brücke. Auf der Hälfte werde ich die Brücke verlassen, werde zur Insel gehen. Essen. Tee.
Die Brücke ist eher für den Verkehr gemacht und der Verkehr sieht gefährlich aus. Doch es gibt links und rechts einen schmalen eingezäunten Bürgersteig. Da aber der Verkehr sehr gefährlich ist, fahren die Moped- und Fahrradfahrer lieber auf dem Bürgersteig. Das ist sehr gefährlich, für die Fußgänger. Ich taste mich an der Brückenmauer entlang. Ungefähr alle 30 Sekunden erinnert mich ein peripheres Hupen daran, dass man als Fußgänger nicht allein ist. Kurz darauf dann passiert mich ein Moped ein paar cm links. Laufen ist mein Leben, ich laufe für mein Leben gern, weil es gemütlich ist, weil es ruhig ist, weil es langsam und ungefährlich ist. Hier muss ich gegen den Reflex ankämpfen, um mein Leben zu laufen, von der Brücke in den Fluss zu springen, oder einen Mopedfahrer zu erschlagen. Das sind ganz neue Gefühlswelten für mich. Reisen bildet, nur weiß man nie, wohin die Reise geht.
Ich werde immer aggressiver und habe die Schnauze voll. Ich beginne mir die Busnummern der vorbeifahrenden Vehikel zu merken, damit ich zurück fahren kann. Als ich die Hälfte der Brücke erreicht habe, stelle ich fest, dass es keinen Fußgängerabgang gibt. Ich könnte die Autoausfahrt herunterlaufen, aber das will ich nicht. Also schwitze ich mich weiter über die Brücke. Ich fühle mich wie eine Schnecke: langsam; schmierig.
Als ich auf der anderen Seite bin, kaufe ich mir als erstes ein wenig Wasser und hocke mich neben ein paar Chinesen. Als mein Schweiß getrocknet ist, wird mir schnell klar, dass ich all die Busnummern vergessen habe, dass ich wohl wieder zurück laufen muss.
Ich gebe zu, was ich jetzt schreibe, ist zusammengesetzt aus vielen Spaziergängen, die ich gemacht habe, für einen wäre es zuviel gewesen. Aber da die ganze Stadt wie ein Puzzle zusammengehört, erzähle ich euch nur eine Geschichte, erzähle ich euch in einem, was ich in der Stadt gesehen habe, was mir dabei passiert ist und was ich mir dazu gedacht habe.
Wenn man nach der Brücke in Changsha weiter nach Osten gehen will, kann man das machen. Irgendwann kommt man dann zum Bahnhof. Bis dahin hat man viele hohe Häuser gesehen. Ich bin solche Hochbauerei nicht gewohnt und mag sie auch nicht. Ich bin da wohl etwas konservativ. Die Riesen links und rechts von mir haben etwas aufdringliches, rücken zu dicht zusammen, nehmen mir die Luft, bedrängen mich. Immerhin spenden sie Schatten, wenn auch keine Kühle. 39 C im Schatten sind 39 C im Schatten und werden im Schatten auch nicht kühler. Das eine Mal, als ich diesen Weg ging, war es nach zwölf und vor drei. Das hieß, die Stadt schlief. Mittagspause, Siesta, fast alles ist geschlossen. Ich kann mich also in kein Restaurant, keinen Laden flüchten. Trotzdem versuche ich es immer wieder, viele Türen sind aber einfach verschlossen. Wenn die Türen offen sind, sehe ich die Angestellten schlafen, sie schlafen auf den Böden oder den Restauranttischen. Dieser Brauch der Mittagspause, dieses Recht aufs Schlafen, ist mir sehr sympathisch. Am liebsten würde ich mich dazulegen. Dann öffne ich eine Tür und siehe: niemand schläft! Leider ist dies kein Restaurant. In der Mitte eines luxuriösen Raumes steht ein Lacktisch. Hinter dem Lacktisch sitzt eine junge Frau. Um den Lacktisch sitzen alte Männer. Ich schaue sie an, sie schauen mich an. Dann rufen sie, ich soll zu ihnen kommen. Bald sitze ich am Lacktisch, trinke sehr guten Tee und bekomme viel Lächeln von der jungen Frau. Das Geschäft ist ein Teeladen und ich bin in einer chinesischen Teezeremonie gelandet. Eine chinesische Teezeremonie ist wie eine japanische Teezeremonie, nur dass die chinesische Teezeremonie nicht sehr japanisch ist. Eine japanische Teezeremonie ist, was passiert, wenn man Langeweile ernst nimmt, ihr eine feste Form gibt und dann nie wieder etwas ändert. Eine japanische Teezeremonie ist leise, ist wie eine Theateraufführung eines kontrollsüchtigen Regisseurs. Eine chinesische Teezeremonie ist eher wie Improvisationstheater und ist laut. Die junge Frau hinter dem Lacktisch wurde mir als Zoe vorgestellt, während ihre Hände viele kompliziert ästhetische Dinge mit verschiedenen Teekännchen und zwei Buddhastatuen anstellt, wirft sie mir neckische Blicke zu. In der Mitte des Tisches befindet sich eine Art Abtropfplatte, dass langsam der ganze Tisch voll Tee ist, scheint niemanden zu stören. Die Alten um den Tisch ignorieren die Zeremonie, Zoe und mich vollkommen. Sie quasseln die ganze Zeit untereinander und spielen mit ihren Smartphones und Tablets.
Erst als sie bemerken, wie Zoe mich anlächelt, beziehen sie uns ins Gespräch mit ein. Sie sagen mir, dass Zoe sehr schön sei, dass ich sie heiraten könne, oder auch einfach nur mit ihr schlafen dürfte. Zoe, die kaum englisch spricht, versteht kein Wort und lächelt mich weiter an. Doch obwohl wir keine Sprache haben, versucht sie mit mir zu sprechen, als sie nicht versteht, was ich sage, fragt sie einen der Alten, der passabel Englisch spricht. Doch der fährt ihr über den Mund, sagt ihr grob: sei still.
Jesus, was für eine sympathische Runde. Bald schon entschuldige ich mich. Nachdem ich den Laden verlassen habe, folgt mir Zoe und gibt mir ihre Mobilnummer. Ich werde sie nicht anrufen, das ist leichter. Denn ich weiß nicht, welches Spiel Zoe spielt und habe wenig Lust es herauszufinden; doch wird es ihr nicht nur um ein wenig Spaß in der Nacht gehen.
In der Partnersuche oder Liebe kenne ich aus der Ferne zwei Spiele. Das eine Liebesspiel wird gern in Deutschland oder allgemein dem Westen gespielt, dieses ist für viele schon eher ein Lebensweg. Früher wurde auf das ewige Glück nach dem Tod gesetzt, das war die Zeit der Religionen. Später versucht, das Paradies auf Erden zu schaffen. Das war das Zeitalter der großen Ideologien. Heute setzen viele auf ihre Gesundheit, Sport und Liebe, das ist die Zeit der Fitnessstudios und Lebenshilfebücher.
Die Gesundheit ersetzt dabei das ewige Leben. Die Liebe soll dann aus dem gesundem Leben ein glückliches machen. Es suchen sich also lauter Gesunde, wohl proportionierte Leute, die hoffen, durch einen neuen Partner, endlich glücklich zu werden. Es treffen sich dementsprechend lauter unglückliche Leute, die darauf warten, glücklich gemacht zu werden. Was ein Käse ist, denn wenn man nicht weiß, wie man sich selbst hilft, kann man keinem anderen helfen, wenn man nicht weiß, wie das eigene Glück funktioniert, wenn man selbst kein Glück in seinem Leben hat, kann man es auch niemandem anderem bringen. Meisten teilen dann auch Paare nur ihr Leid, man sagt zwar, dass geteiltes Leid halbes Leid sei, aber für das halbe Leid, das man verliert, bekommt man ja den ganzen Scheiß vom Partner: So dass in Partnerschaften geteiltes Leid anderthalbfaches Leid ist. Mein privater Schluss, ich arbeite an meinem eigenen Glück, bis ich eine Frau finde, die auch schon glücklich ist und dann teilen wir unser Glück. Die beiden Alternativen sind, dass ich mich mal wieder Hals über Kopf verliebe und meine Worte verspeisen muss, oder dass ich allein bleibe. Was auch gut ist, dann kann ich weiter glücklich werden, ich kann allein sehr glücklich sein.
Wie auch immer; das andere Spiel funktioniert nach anderen Regeln. Es wird meist in Ländern gespielt, in denen die Menschen noch nicht alles haben, so dass sie sich noch nach den Dingen sehnen, die lebenswichtig sind. Hier sind die Menschen mehr als im Westen mit dem Leben an sich beschäftigt, sie haben daher sehr viel weniger Zeit nach einem glücklichem Leben zu streben. Ein guter Partner ist hier ein reicher Partner, der die Grundbedürfnisse sichert. Dass mag uns Europäern als materialistisch und zynisch erscheinen. Wo bleibt da die Liebe mögen wir fragen. Viele Westler mögen jetzt sagen, dass eben diese Liebe das wichtigste im Leben, dass sie die stärkste Antriebskraft und wichtigstes Grundbedürfnis im Leben sei. Aber das glauben sie nur, weil sie noch niemals im Leben richtigen Hunger hatten.
Da für viele Chinesinnen alle Westler reich sind, sind wir hier sehr begehrt.
Man könnte sich ja auch darauf einlassen, immerhin sind die Forderung nach einem gedeckten Tisch, einem neuem Auto und einer Eigentumswohnung an sich leichter zu erfüllen, als die nach einem konfusen undefinierten Glück. Ich bin aber nicht reich und werde es auch nie sein. Ich bin so geschäftsunfähig wie Donald Duck. Sollen sich andere als große Männer fühlen, weil ihnen die Asiatinnen hinterherrennen. Ich bleibe lieber weiter, wer ich bin.
Mich einfach nur für ein wenig Sex mit ein paar Frauen hier einzulassen, das würde ich nur wollen, wenn es das wäre, was sie suchen. Mit anderen Worten, ihre Erwartungen auszunutzen, um ein wenig Spaß zu haben, dazu habe ich zu viele Skrupel. Nun, mal sehen, wie standhaft ich bei meiner Moral bleibe, wenn es irgendeine Zoe ernsthaft versucht. Oder was passiert, wenn ich mich verlieben sollte, wahrscheinlich werde ich mich bald verlieben. Zielsicher wie ich bin, werde ich mich in eine Chinesin verlieben, die nur ein wenig Sex wollte. Im guten wie im schlechten, wenn man 38 ist, dann hat man manchmal Vorahnungen, man weiß ungefähr, wie das eigene Leben funktioniert.

Der Weg von der Brücke geradeaus Richtung Bahnhof hat mich also dazu gebracht über die Liebe nachzudenken, wenn man von der Brücke links abbiegt, kommt man in ein restauriertes Altbauviertel. Es ist fast hübsch. Nicht so hübsch wie europäische Altbauviertel, dafür aber um ein Vielfaches bunter, interessanter und lauter. Es ist leicht zu sehen, dass die Menschen hier reicher sind als in meinem Studentenviertel. Oder zumindest haben sie sich besser angezogen. Hier finden sich die, die es sich leisten können, in die teuren Restaurants, Bars und Clubs zu gehen. Für mich steht bald fest, hübsche Straße, interessiert mich aber nicht weiter, außer ich will mal ein Bier trinken gehen.
Da tippt mir eine Prinzessin auf die Schulter. Das passiert selbst bei Facebook seltener. Dazu muss man sagen, dass fast alle jungen Chinesinnen wie kleine Prinzessinnen aussehen und fast alle jungen Chinesen wie Nerds. Das ist hier sozusagen die Grundausstattung, hinter der die Individualität beginnt. Meine Prinzessin erklärt mir, dass sie eigentlich Studentin sei. Und dass sie im Englisch-Kurs an einem Projekt teilnehme und sich Ausländern vorstellen müsse, um ihr Englisch zu verbessern. Nun sah ich auch das Schulheft in ihrer Hand. Sie begann, erzählte mir, wie sie hieß, wie alt sie sei, welche Hobbys sie habe, usw. …
Dann musste ich noch unterschreiben, damit sie einen Beweis hatte, mit mir gesprochen zu haben. Als ich gehen wollte, klopfte mir ein Nerd auf die Schulter. Er mache ein Projekt, es war dasselbe Projekt. Während ich die Vorstellung des Nerds ertrug, sah ich, dass sich hinter ihm eine Schlange von Prinzessinnen und Nerds gebildet hatte, die geduldig auf mich warteten. Ich hörte mir die Vorstellungen von jeder und jedem an und bei allen unterschrieb ich. Ich fühlte mich wie ein gelangweilter VIP.
Nach getaner Arbeit folgte ich der Straße nur wenige weitere Meter. Und kam zur Uferpromenade. Zunächst musste ich eine Straße überqueren, was in Changsha nie ein leichtes Unterfangen ist, doch dann erwartete mich das, was ich mir von meiner ersten Uferpromenade erwartet hatte: das reinste Chaos und eine Geräuschexplosion. Ich sah Chinesen, die Mahjongg spielten, singende Liliputaner und tanzende Senioren. Andere malten mit Wasser Schriftzeichen in den Staub und die nächsten spielten traditionelle chinesische Musik. Es war wunderschön, Changsha ist hinter jeder Straßen-ecke anders, aber immer laut. Auffällig war allerdings, das hier eher ältere Chinesen ihren Spaß hatten.
Nachdem ich eine Weile die Promenade entlang flaniert war, mal Musik gelauscht hatte, mal Tänzer beobachtet hatte, entdeckte ich, dass die Promenade noch eine zweite Etage hatte, sozusagen einen Keller. Das ist der Bereich, der wahrscheinlich nach starkem Regen überflutet ist. Jetzt nach dem Sommer stand der Bereich voller Liegestühle. Nachdem ich an vielen leeren Liegestühlen vorbeigegangen war, verstand ich, dass sie niemandem gehörten, sondern zur freien Verfügung dort standen. Glücklich setzte ich mich, schaute vorbeifahrenden Schiffen hinterher und dachte an nichts. Bis mich eine Chinesin meinen Alters ansprach. Nein, auf mich einredete. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass sie mir eine Massage anbot. Davon hatte ich gehört, das soll es in den Parks öfter geben, das soll gut sein. Ich nahm an und bekam die schlechteste Massage meines Lebens. Sie klopfte eigentlich nur meinen Körper ab. Dann ging sie zu meinen Beinen über und versuchte, mit meinem Schwanz zu spielen. Ich versuchte, sie zu stoppen, sie versuchte, mir die Hose aufzumachen. Bei unserem Kampf wurden wir von einer zunehmend größeren Menge von kichernden Chinesen beobachtet. Ich tat, was jeder Westeuropäer in solch einer Situation getan hätte, wie ein Cowboy zog ich mein Portemonnaie. Ich wollte sie bezahlen, um sie loszuwerden. Sie gab mir zu wenig Wechselgeld, aber das fand ich ok, schließlich hatte sie mir einen heldinnenhaften Kampf um meinen Schwanz geboten. Vielleicht konnte sie dank des gestohlenen Wechselgeldes länger Pause machen. Schnell versuchte ich, den kichernden Chinesen zu entkommen. Das war eine eher unangenehme Erfahrung. Ich fühlte mich zu 95 sexuell belästigt und zu 5% erregt. Trotz meiner 38 Jahre, das hatte ich nicht kommen sehen.

Nun suchte ich, was rechts der Brücke liegt, zunächst kam ich in ein supermodernes Einkaufszentrum. In Berlin hatte ich noch nichts Vergleichbares gesehen. Hier waren die Menschen jünger, allerdings sahen sie nicht so aus, als hätten sie viel Spaß. Sie rannten von Laden zu Laden, starrten in ihre Smartphones und überlegten was in ihren Leben fehle, wo sie es kaufen könnten. Die modernen Chinesen: junge Konsumisten. Ich hasse Einkaufszentren überall auf der Welt von ganzem Herzen, denn sie sind überall gleich. Waren – Konsumisten – Leere. Von außen groß, von innen klein, die Kunst vom schönem Schein. Schnell verließ ich dieses Fegefeuer der Versprechungen.
Und kam zurück in die Altstadt, die unsanierte. Ein alter Slum gleich im Rücken der neuen Welt. Hier machten die Großväter der jungen Konsumisten, was sie schon immer getan haben. In schmalen Gassen, die ein wenig stinken, schwatzen sie, essen und trinken sie, spielen sie Mahjongg, Domino und Karten. Sie laufen, bleiben stehen und reden. So als hätten sie kein Ziel, oder als wäre das Halt auf dem Weg es wert, das Ziel nicht zu erreichen. Ich sehe wenig Smartphones und mehr Leben. Auch hier werden Dinge verkauft, aber es sind Dinge, die mich interessieren. Essen und Gewürze. Es riecht nach verfaultem Fisch und frischem Koriander. Ich sehe getrocknete Chilis und eingelegten Ingwer. Und noch viel mehr. In Käfigen warten Hühner auf ihr Ende. In kleinen Aquarien schwimmen große Fische. Es gibt Gambas, Flußkrebse und Hummer zu kaufen. Und nicht nur das, aus einem kleinen Becken schauen unglückliche Schildkröten und Frösche zu mir auf. In vielen Körben liegen Schlangen, an einem Haken hängt ein gehäuteter Hund. Es riecht, es stinkt, es bewegt sich, es schlängelt sich, es lebt*, ich liebe es.
Das alte und das neue. Sie sind Nachbarn in Changsha. Mitglieder einer Familie. Allerdings sprechen sie eher übereinander als miteinander. Die neuen Chinesen gehen ins Einkaufszentrum, sie halten ein Smartphone in der Hand und spülen ihren Hamburger mit Starbucksplörre hinunter. Die alten Chinesen kaufen und verkaufen Schlangen und machen Lärm im Park. Man könnte polemisieren: Das neue China scheißt Geld, das alte China steckt in der Scheiße. Allerdings scheinen die alten Chinesen die einzigen zu sein, die wirklich Spaß haben in Changsha. Nicht nur deshalb gehören ihnen meine Sympathien.

* Wenn es nicht geschlachtet und gehäutet** wurde.

** nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.