Was mir gefällt

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In China schaut man selten zurück: Jedoch bricht die Narbenliteratur beredt das tiefe Schweigen zur Kulturrevolution und die chinesische Regierung überlegt, wie der Himmel, den sie grau gefärbt haben, wieder blau zu machen sei.
Sich Zeit zu nehmen, sich zu besinnen, ist ein Luxus in China, wo alles nach vorn gerichtet scheint, wo alles Umbruch ist, wo die Scherben des Wandels so selbstverständlich sind wie die Flecken auf der weißen Weste. Seitdem englische Kanonenbote die chinesische Identität in Trümmer schossen, soll’s in China immer nur nach vorn zu alter Größe gehen. So dass es falsch ist, zu sagen, das Land sei im Umbruch, denn China ist dauernder Umbruch. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen schaut man eben doch nach links, rechts und zurück und stellt Fragen. Stellt die Fragen, die zensiert sind. Denn China ist immer ein – mal lautes, mal leises – Trotzdem, Trotz alledem.
Und das gefällt mir. Daher werde ich zurückschauen auf mein erstes Semester in Changsha und schreiben, was mir gefällt und was nicht. Das klingt banal, ist es aber nicht, denn was uns gefällt, ist, was uns zu dem macht, was fremde Augen in uns sehen. Somit Vorhang auf: Hier bin ich, trotz alledem und wegen dem was geschah, bin ich nun hier, bin, wer ich bin.

Was mir gefällt und was mir nicht gefällt:
Ich muss fünf mal die Woche früh aufstehen, das gefällt mir zwar nicht, aber es fällt mir heute leichter als früher, als ich angeblich jünger war – mit anderen Worten: die senile Bettflucht holt uns alle – und das ist gut, aber besser wäre es, ich könnte schlafen, wie es mir gefällt.
Ich frühstücke meist auf dem Weg zur Universität. Wenn ich mir Baozhi für den Weg kaufe – das sind gedämpfte Brötchen, gefüllt mit Fleisch oder Gemüse – mag ich’s, wie der Dampf aus den Brötchen herausbricht, wenn ich sie aufbreche. Herrlich ist es, wenn das Wetter schlecht ist, wenn es regnet und die feuchte Luft einen belästigt. Dann muss man ein Dampfbrötchen kaufen, sich über es beugen und vorsichtig aufbrechen, der von Essensgeruch geschwängerte Dampf, der einem dann ins Gesicht steigt, wirkt erquickender als Kaffee, das Fett, das einem bald übers Kinn rinnt, schmeckt besser als Butter. Auch wegen so einfacher Dinge wie dieser Dampfbrötchen bin ich in China. Schon als ich als Kind an der Hand meiner Mutter durch Asien ging, liebte ich das chinesische Essen. Ich konnte es nie vergessen, jeder, für den ich schon einmal kochte, kann’s bestätigen.
Wenn ich am Morgen mehr Zeit habe, dann gehe ich in eines der proletarischen Nudelsuppenlokale. Das sind meist nur Garagen, in denen in offener Küche gekocht und an wackligen Stühlen gegessen wird. Sie sind meine kleinen warmen Höhlen, wenn’s draußen zu nass wird, wenn zu viele Menschen auf der Straße sind, dann verstecke ich mich vor Regen, Smog und Nebel in meinen Nudelsuppenhöhlen und atme für ein paar Minuten – bis mein Essen kommt – nur den Essensdampf, der im einen großen Topf wohnt, der in der Mitte der Höhle thront wie ein Schrein und keinem Gott, sondern nur den Hungrigen geweiht ist. Dann kommt die Suppe. Sie schmeckt gemessen an ihrem Geruch fast enttäuschend, doch wenn man sich darüber beugt und vorsichtig mit Stäbchen nach Nudeln fischt, dann vergisst man, dass es eigentlich zu früh am Tage ist um zu essen. Das ist meine Dampftherapie gegen das Morgengrauen. Es erinnert mich an Kindheitstage im Himalaja, zwar haben sich seitdem die Zeiten geändert, aber dem Geruch von Regen und Nudeln konnte die Zeit nichts nehmen.

Etwas was mir – wie in Deutschland – nicht gefällt, ist die Angewohnheit der Vielen, beim Gehen ins Handy zu starren. Ich habe das Gefühl, das ist in China noch populärer als in Deutschland. Ständig muss ich also kleinen Chinesen ausweichen, die mittels ihres Telefons die ganze Welt sehen, aber mich – vor ihrer Nase – übersehen.
Das Problem habe ich allerdings auch, wenn die Chinesen nicht ins Handy schauen. Ständig pralle ich fast mit irgendwelchen Fußgängern zusammen. Ich könnte mich jetzt ereifern, weil die kleinen Gelben nicht schauen, wenn sie laufen, wo sie laufen.
Nur wäre das falsch: wenn einem nur Geisterfahrer begegnen, ist man selbst der Geisterfahrer. Ich bin jetzt bald ein halbes Jahr hier und ich habe immer noch nicht verstanden, wie der Chinese läuft, ich kenne die Verkehrsregeln nicht. Ich bin der Exot und der Exot steht ständig im Weg. Eigentlich ist das eher lustig als störend, denn die größeren Chinesen zerschellen an meiner Heldenbrust und die kleineren prallen ab von meinem Gummibauch. Es ist lustig, solange die Sonne scheint, solange es nicht regnet. Denn wenn es regnet, spannen alle Chinesen ihren Regenschirm auf. A-L-L-E! Und es sind viele. Zuerst sieht das fast schön aus. Denn ich bin größer als der Durchschnitt und wo eben noch durchschnittliche Chinesen gingen, wachsen plötzlich viele bunte Pilze. Das gefällt ungefähr 5 Sekunden lang, dann ist’s vorbei. Die nassen Gesichter und die Dornen der Pilze befinden sich ungefähr auf meiner Augenhöhe, das ist beängstigend, wer schon mal von einem Rudel nasser rosa Champions angegriffen wurde, weiß wovon ich spreche. Wenn es beginnt zu regnen, hebe ich meine Arme in die Verteidigungsstellung eines Boxers und fluche. Das hilft. Die meisten Pilze flüchten.

Wenn ich mein Gehalt in Euro rechnete , wäre die Summe unterm Strich zu klein zum Lachen und Weinen, daher rechne ich nur chinesisch, ich lebe in Renminbi, ich lebe in China.
Ich gehe dreimal täglich essen, fahre Taxi, wenn ich faul bin, und wenn nicht, gehe ich ins Gym. Den Jahresbeitrag für dieses zahlte ich in bar. Ein bis zweimal im Monat lasse ich mich massieren. Die Masseusen sind kräftig und blind. Blind sollen sie sein, das ist chinesische Tradition. In China sagt man, dass die blinden Masseusen die besten seien. Und das sind sie. Nach einer Massage habe ich für Wochen keine Rückenschmerzen mehr und ich fühle mich jugendlich elastisch. Allerdings sind sie auch kräftig. Ein Video davon, wie ich massiert werde, wäre sicher ein Youtube-Hit. Zumindest auf den einschlägigen Sadisten-Seiten. Die Masseusen sind kräftig und ich schreie laut vor Schmerzen. Der Titel für den Youtube Film: Die Blinde mit den Eisenfingern und das Weichei. Einmal hatte ich eine sehende Masseuse, sie hatte einen schlaffen Griff und rülpste die ganze Zeit. Ich hatte keine Schmerzen und fühlte mich betrogen. Heute gehe ich meist mit meiner Freundin zur Massage. Sie ist Chinesin und liebt Massagen. Dann liegen wir nebeneinander auf zwei Liegen und halten unsere Hände, während kräftige blinde Frauen zugreifen. Für mich hat es viele Vorteile mit meiner Freundin ins Massagestudio zu gehen. So bekomme ich, was ich will – eine gute Massage – und darf mein Maul halten. Im Gegensatz zur freundesläufigen Meinung über mich, höre ich mich nämlich sehr gern schweigen, dann kann ich nichts Dummes sagen. Während ich also nichts sage, sagt meine Freundin den Masseusen, was ich will und wohin sie wie kräftig greifen sollen. Während ich nichts sage, reden die Masseusen über mich und stellen meiner Freundin – Guo Guo – Fragen.
Wie heißt er – woher kommt er – was macht er hier – warum ist er nach China gekommen?
Sie kümmern sich um mich, als ob ich wichtig wäre und ich muss nichts tun, nicht einmal sprechen. So ungefähr habe ich mir mein Leben schon immer gedacht. Natürlich vergesse ich dabei nicht, dass ich Sprachlehrer bin. Wenn eine Masseuse an die richtige Stelle greift, sage ich: „ARGH“.
„Argh“, sagen dann die Masseusen und lachen.
Wenn sie es richtig gut machen, sage ich: „eueueue“.
„Eueueue“, sagen sie und lachen lauter.
Ich vergesse nie, dass ich Sprachlehrer bin.
Hier lebe ich im Luxus, in Berlin aber wäre mein Geld nicht viel wert. Das ist wohl ein goldener Käfig.

Changsha ist keine schöne Stadt, doch gehe ich gerne gehe durch die Straßen und Gassen, die nur die kennen, die hier wohnen müssen. Denn dort, wo die Stadt gewachsen ist, mag ich sie, wo sie geplant wurde, wo alle hingehen, flüchte ich. Das gewachsene Gassengewirr ist ein hässliches Wunder, die Hochhäuser und Straßenschluchten, der Neondschungel der neuen Boulevards ist ein geplantes Desaster: eine Katastrophe vom Reißbrett. Denn Changsha ist gerade da besonders hässlich, wo alle hingehen, und zeigt Schönheit an den Orten, die niemand findet, da keiner sie sucht.
Egal wo, egal wie alt sie sind, Chinesen treffen sich in ihren Märkten und Parks. Die neuen Märkte liegen eingepfercht in die Säulen der Neustadt. Die Straßen um sie herum liegen unter Hochhäusern und Autobahnbrücken. Am Tag ist es meist dunkel und die Luft schmeckt grau. Es gibt wenige angenehme Gründe hier zu bleiben, meist geht man im Strom der Leiber schnell vorbei. Die Menschen gehen zur Arbeit, zum Vergnügen, aber sie bleiben nicht stehen. Das Leben wird hier zur Funktion, solange die Sonne scheint.
Aber die Nacht, wie anders ist die Nacht: Wenn die Sonne untergeht, erwachen die Lichter, bleiben die Menschen stehen, die Bühne wird zu einer anderen Zeit: die gleichförmige Moderne tritt ab, und China geht auf. Graue Wände erwachen zum neonbunten Bühnenbild. Der graue Drache Verkehr zeigt seine Farben und die Menschen gehen nicht, sie verlieren ihr Ziel im Gewühl, stehen beisammen, manchmal schwatzend, oft essend, aber immer lachend wirken sie frei. Die Anarchie der Straßen Asiens, der brennende Geruch des Essens, das großzügig verschenkte Lächeln junger Frauen zeichnen ein ganz anderes China als es westliche Medien gern an die Wand malen. Abends, wenn die Lichter angehen, setze ich mich an eines der Straßenrestaurants, bestelle mir was immer ich essen oder trinken mag und beobachte: Im Restaurant nebenan hat ein Kunde eine Schlange bestellt, eine lebende, der Kellner wiegt das sich windende Tier und streitet über den Preis während sie versucht zu fliehen, zwecklos ‑ bald wird serviert. Gegenüber sitzt ein Kind zu Tisch, es wurde genug gemästet, es kotzt, niemanden kümmert’s. Ich sehe flanierende Intellektuelle, Hipster auf’m Catwalk und Singles auf der Jagd, die Armen betteln um Geld, die Reichen um Aufmerksamkeit. Dazwischen sitzen die Alten, die nur beobachten. Sie lächeln. Ich beobachte sie, und frage mich: Was mögen sie alles gesehen haben in ihrem langen chinesischen Leben.
Die Abende sind großartig in Changshas Straßen, leider sind sie auch kurz. Kurz nach 11 gehen die meisten nach Hause und wenige in die Clubs und KTV’s der Stadt. Dort blättert schnell die Farbe der Lichter ab, alles erscheint zu viel, zu gesetzt: Spaß aus der Tube.
Die Freude ist Konsum, Konsum ist die einzige Freude. Am Tage wird Zeit zu Geld gemacht und in der Nacht wird aus Geld Leben gemacht – sie versuchen es zumindest. Doch dieser alchemistische Zeitvertreib scheint mir Zeitverschwendung und wenn ich nicht gerade durstig bin, gehe ich nach Hause.
Am schlimmsten fühle ich dies in den Einkaufszentren der Stadt, Einkaufszentren sind eine Seuche, sie töten. Nichts kann Chinesen vom Leben abhalten, das können nur Einkaufszentren. Es ist immer wieder faszinierend für mich, wie vor ihren Toren das Leben tobt, aber innen eine geradezu sakrale Öde herrscht. Das anbiedernde Programm kann diese Leere nicht füllen, die sich hinter vollen Regalen verbirgt. Hier versuchen Menschen von der Stange sich Individualität und etwas Glück zu kaufen. Genauso gut kann man versuchen, Leben zu kaufen.
Einmal suchte ich – ich weiß nicht mehr was – in dem Erdgeschoss eines solchen Einkaufszentrums. Es gab alles zu kaufen: Essen und Kleidung, Telefone und Haushaltswaren. Die Musik verwirrte mich. Ich kenne mich nicht mit chinesischer Musik aus, weder mit traditioneller noch moderner. Aber ich kenne kommunistische Kampflieder und was dort über den Grabbeltischen gespielt wurde, klang genauso. Zwar verstand ich die Texte nicht, doch meinte ich, die Melodie zu erkennen. Man stelle sich vor in Moskau im Kaufhaus Gum würden die alten revolutionären Lieder gespielt. Ist dieser Konsumismus die Vollendung des Kommunismus, ist das die versprochene bessere Welt? Prada, Gucci und 97 Sorten Waschmittel? Früher hatten wir eine Vision heute ein iPhone? Ich weiß nicht, was die Chinesen in ihren Einkaufszentren suchen, aber ich schätze die sauberen Toiletten: Ich gehe da manchmal kacken.
Ganz anders sind die alten Märkte, dort würde ich niemals aufs Klo gehen, den Rest der Zeit verbringe ich allerdings gern dort. Die Leute laufen hier nicht bloß ihren Weg zum Ziel entlang, sondern sie schwatzen ziellos durcheinander. Oft kommt man nicht voran, weil die vor einem gar nicht voran wollen. Einfach stehen bleiben. Nichtstun und genau das: Die Freiheit Nichts zu tun bedeutet manchmal, dass man am Leben ist. Es ist immer laut, es ist die Lautstärke, die entsteht, wenn Menschen kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn sie Spaß haben. Leben.
Hier bekomme ich alles, was ich brauche und niemand haben will. Hundefleisch und gefälschte Rolex: gleich Links. Lebende Schlangen und Maßanzüge? Zu deinen Füßen. Nackte Schildkröten und Aschenbecher aus Schildkrötenpanzer: rechts. Rosa Schlafanzüge, Plüschschuhe und plüschige Welpen, Gewürze, Parfüm, Chili, Augenwasser alles da.
Da ist ein Tisch voll Gekröse: Hühnerhaut und Schweinedarm, ähh, Geringeltes und Gekraustes, Fettiges und Vertrocknetes. Ich habe keine Ahnung, was es ist, ich kann nicht widerstehen. für 1,50€ bekomme ich einen Salat aus Gedärm; wer nie eine Bockwurst gegessen hat, werfe den ersten Nierenstein.
Selten lädt Changsha zum Verweilen ein, die Viertel der Stadt sind eingemauert und erinnern eher an ein Mosaik aus Festungen, denn an eine zusammenhängende Stadt.
Auch im wild gebauten und ungeplant gewachsenen Gassengewirr, dass sich in Knoten herum um meine Universität erstreckt, kommt man nicht immer von Gasse zu Gasse. Die einzelnen Sträßchen scheinen Familienangelegenheiten zu sein und strecken sich umeinander herum wie Paralleluniversen. Manche einander nahe Gassen kreuzen sich nie, haben keine Verbindung zueinander, sie verlaufen um ein- unter- und über- einander. Um von einer zur anderen zu gelangen, muss man zurückgehen zur Hauptstraße und einen anderen Eingang finden. Ich weiß es nicht, doch glaube ich, dass diese Gassen wie Dörfer in der Stadt sind. Hierhin geht nur, wer hierher kommt. Die Gassen an meiner Uni schmiegen sich an einen bewaldeten Hügel, am Hang des Hügels zerfasern die Gassen zu kleinen Pfaden zu Bauernhäusern und auch wenn man sich noch mittendrin befindet, erscheint die Stadt hier weit weg. Ich liebe diese Gassen und gehe oft hier spazieren, suche geheime Treppen und versteckte Felder. Ich komme oft hier her, doch wenn ich zu weit gehe, stehe ich am Ende der Gasse, über der letzten Treppe, im letzten Hof, im Wohnzimmer einer chinesischen Familie, die sich – kurz – gestört fühlen mag. Doch meist kann ich die Situation lösen, in China kann man jede Situation mit einem Lächeln lösen, wenn man dann noch ein wenig Chinesisch spricht, gibt es keine Probleme. Zum Abschied mache ich meist noch ein paar Fotos von der Familie, Chinesen lieben es, fotografiert zu werden. Das ist alles eine Frage des Feingefühls.

Ich habe ein wenig Chinesisch Unterricht bekommen. Ich kann schon Nihao (hallo), Hihaoma (Wie geht’s dir) und Baozhi (Maultaschen) sagen. Das ist noch nicht viel, aber ich habe eine gute Lehrerin. Sie erklärt mir nicht nur die Aussprache und gibt mir Vokabular, sondern sie versorgt mich auch mit sinnvollen Hinweisen:
Wenn du „ji“ sagst, bedeutet das Hühnchen, sagst du aber „jiji“ bedeutet das Penis. Das Wort „Nushi“ kann sowohl Dame als auch Prostituierte bedeuten. Nach kurzer Überlegung fügte sie hin zu, wenn du wissen willst, wo die Prostituierten sind, dann sagst du: „zai nali piaochang?“.
Ich mag meinen Unterricht und versuche, so oft wie möglich meinen Wortschatz anzuwenden. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es in den Höfen hinter den Gassen immer leerer wirkt. Das mag am Wetter liegen, kann aber auch die Schuld des irren Ausländer sein, der die Einwohner zu Hause terrorisiert, fotografiert und lachend schreit: „Hallo! Wie geht’s? Maultaschen? Wo sind die Prostituierten? Penis?“
Manche Leute haben einfach kein Feingefühl.

Am wohlsten fühle ich mich aber eigentlich in den Parks. Hier kann ich Chinesen beobachten, ohne sie zu Hause zu erschrecken. In die Parks kommen alle Chinesen, um alles mögliche zu tun, hier spielen sie Mahjong und Tennis, rauchen und saufen, fahren Boot und laufen. Hier tanzen und singen sie mit einer kindlichen Unbefangenheit: „Es ist egal, ob man gut kann, was man macht, wichtig ist nur, dass man etwas macht“. Wenn die Sonne scheint, gehe ich in einen Park und mache, was ich gut kann: beobachten, dummes Zeug denken und von nichts ‘ne Ahnung haben. Manchmal muss ich aber auch tun, was ich nicht kann: Z.B. Singen und Tischtennis spielen. Die Chinesen freuen sich sehr, wenn man mitmacht und fordern einen oft auf, mitzumachen. Zwar lachen sie, wenn man’s nicht gut kann, aber sie lachen auch, wenn sie’s selbst nicht können. Diese Fähigkeit, sich zu vergnügen ohne zu bezahlen, ist etwas, was vielen in Europa abhanden kommt, aber es stirbt auch hier: Wer’s sich leisten kann, geht in die Einkaufszentren oder ins KTV. Das Leben im Park wird langsam zur Tradition der Älteren, junge Leute kommen selten.
Überhaupt mag ich oft das alte, das traditionelle China, zwar gefällt mir der Geruch des Umbruchs, die Dynamik des Landes, aber die Gesichter des modernen Chinas gefallen mir nicht. Gefallen ist ein handelndes Verb, es setzt den, dem etwas gefällt in den Dativ. Es verändert den Handelnden. Macht mich China, wenn mir das Alte gefällt, zu einem Konservativen?
Vielleicht. Aber auch wenn mir viel altes gefällt, gefallen mir besonders die jungen Menschen Chinas. Sie sind Kinder der Tradition und gehen mit großen Augen ins Morgen. Selten habe ich so viele neugierige, wissbegierige, freundliche Menschen kennengelernt. Sie greifen nach allem Neuen, tragischer Weise bekommen sie dabei oft auch McDonalds und Starbucks zu fassen.
McDonalds, Starbucks oder KFC, das sind in Changsha die Treffpunkte zwischen Ost und West. Es funktioniert blendend, junge Chinesen kommen, wenn sie’s sich leisten können, weil’s anders ist als zuhause und die Westler kommen, weil sie’s sich leisten können und weil’s ein wenig ist wie zuhause. Nu, ich komme auch, ich komme wegen des Kaffees, der funktionierenden Heizung und der sauberen Toiletten. Meistens komme ich, um hier die Texte meiner Studenten zu korrigieren.
Wenn’s nicht so kalt ist, dass ich wegen der Heizung komme, dann sitze ich auf der Terrasse, so kann ich etwas über dem allgegenwärtigen Lärm sein und arbeiten. Einmal saß ich dort, als sich ein junger Chinese an meinen Tisch setzte. Er kam, starrte und schmatzte. Es gefiel mir nicht. Er starrte mich an, aß seinen Burger und schmatze mit offenen Mund. Viele Chinesen beobachten mich, meist stört es mich nicht. Fast alle Chinesen schmatzen, das gehört hier zum guten Ton, es stört mich nicht. Viele Dinge stören mich nicht, bis ich müde bin, dann stören sie mich. Wenn ich müde bin, finde ich, dass die Welt sich mehr Mühe geben sollte. Ich habe dann wenig Gnade.
Entnervt hob ich den Blick von meinen Korrekturen und starrte zurück. Das beeindruckte ihn nicht. Er starrte mich an, wie man eine Fernsehsendung ansieht, der man nur eine Chance gibt, weil man zu faul ist, die Fernbedienung zu suchen. In seinem Blick lag kein Interesse, aber auch als ich ihn erwiderte, wandte er ihn nicht ab. Er saugte abwechselnd an seiner Cola und seinen Pommes und verbiss sich zwischenzeitlich haiartig in seinen Burger: alles ohne den Blick abzuwenden. Ein schmatzender, starrender Chinese: Ich hasse Klischees. Unfähig mich in seinem Fokus zu konzentrieren, legte ich meine Korrekturen zur Seite und suchte etwas im Umfeld, das mein Interesse einfangen und ablenken könnte.
Am Nebentisch sprach ein Franzose laut auf seine drei chinesischen Freundinnen ein. Er erklärte ihnen die Welt.
Spanier? Spanier sind faul, aber sie haben Leidenschaft, sagte er. Russen kann man nicht trauen. Deutsche sind langweilig. Kein Humor, aber wenn man sie zu Freunden hat, dann …, sagte er.
Super, noch mehr Klischees. Ich hasse alle Klischees und Stereotypen. Sie sind eine Entschuldigung dafür, keine eigene Meinung zu haben.
Welche Sprache ist schön? Französisch! Wo leben die schönsten Frauen? Russland! Was machen die Deutschen? Sie arbeiten! Wer dreht die lustigsten Filme? Die Engländer! Wer schmatzt beim Essen? Die Chinesen! Hurra, wir haben unseren Verstand gleichgeschaltet.
Klischees mögen in der Ethnologie praktisch sein, aber ich hasse sie, ich hasse Wiederholungen. Außerdem bin ich in Bezug auf Klischees sehr ambitioniert, ich schaffe neue Stereotypen.
Und ich verpflanze diese neuen Klischees in die Hirne meiner Schüler. Sie – meine Schüler – sind, wie alle Schüler, gern faul. Jede Woche fragen sie mich, ob wir einen Film sehen können. Natürlich einen deutschen. Ich kenne gar nicht so viele deutsche Filme. Oft suche ich also einfach im Internet nach deutschen Filmen, lese die Wikipedia-Zusammenfassung und werf’s der Klasse zum Fraß vor. Ich habe schon „Knallhart“ mit ihnen geschaut (Neukölner Gang-Klischees) und habe auch einen Film namens „Drei“ so gefunden. Unser Thema war zuvor Familie in Deutschland. Das Lehrbuchmaterial war doch etwas sehr Junge Union Textbuch. Zur Freude von Lizzie Lee habe ich noch etwas von Regenbogenfamilien erzählt und in „Drei“ soll’s um eine – am Ende glückliche – Dreierbeziehung gehen.
Als ich den Film einschaltete, wusste ich nicht, was auf mich zukam. Im Vorspann sieht man eine erigierten Penis und einen Ausschnitt aus einem Porno. Ich hätte mich gern unter meinem Tisch versteckt, ich fürchtete die Reaktion der jungfräulichen Studenten und guten Mädchen, ich fürchtete um meinen Job.
Im Film geht es um ein deutsches Paar, das seit den Studienzeiten zusammen ist und langsam in die Jahre kommt, sie kämpfen mit der Langeweile und Hodenkrebs und finden beide Antworten bei demselben Mann (Adam), mit dem sie beide eine Affäre beginnen. Meistens ist der Film furchtbar intellektualisiert (→ Klischee Deutscher Film). Ich glaube nicht, dass meine Studenten viel verstanden haben von dem, was so geredet wurde. Wenn aber nicht geredet wurde, dann wurde viel gefickt. Frau und Mann und Mann und Mann. Ich fürchtete um meinen Job, ich sah die Schlagzeile: perverser Deutschlehrer verdirbt die chinesische Jugend. Ich versuchte, mich auf meinem Stuhl zu verstecken. Meine Studenten waren begeistert: Sie fingen an, die Protagonisten anzufeuern. Am Ende des Films hat das alte Paar herausgefunden, dass sie beide denselben Adam haben. Zunächst trennen sie sich, dann treffen sie sich in einer Bar.
Die Frau sagt: Ich habe dich vermisst.
Der Mann antwortet: Ich dich auch.

Schweigen.
Die Frau sagt: Aber ich vermisse auch Adam.
Schweigen.
Meine Schüler riefen, feuern an: Ich auch! Ich auch!

Der Mann sagt: Ich auch.
Die Klasse ist fast explodiert, so glücklich waren meine Schüler. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wären sich in die Arme gefallen und hätten getanzt. So langsam realisierte ich, dass ich meinen Job vielleicht doch behalten würde.
Zum Ende sieht man, wie die Drei zusammen in ihr „Ehebett“ gehen.
Ich frage die Klasse, ist das auch eine Familie? Lizzie Lee schrie lauthals: JA!
Ein paar Wochen später frage ich meine Schüler im Unterricht, wovor sie Angst hätten. Der erste, den ich frage, sagte, er habe Angst davor, nach Deutschland zu gehen.
Warum?
Die Deutschen würden sich immer prügeln, sagte er; das war der Einfluss des Films „Knallhart“.
Ich frage den nächsten, er habe Angst davor nach Deutschland zu gehen, sagte er.
Äh, warum?
In Deutschland seien alle homosexuell. Er habe Angst auch schwul werden zu müssen, wenn er in Deutschland sei. Das war der Film „Drei“

Ich liebe meine Schüler, aber manchmal frage ich mich, was sie schlimmes getan haben, dass sie mich als Lehrer bekamen, der ihnen dauernd Angst macht. Sie sind so interessiert an Deutschland und der deutschen Sprache und alles, was ich tue, ist, ihnen neue Vorurteile zu verpassen
Na ja, Gewaltig und Schwul sind doch bessere Stereotypen als Faschistisch und Humorlos, oder?
Ich arbeite weiter dran, versprochen.

Ich liebe meine Schüler. Zum einen sind sie süß. Oft kommen sie morgens ganz verschlafen in die Klasse, in ihren Armen tragen sie ein großes Kuschelkissen. Auch wenn ich eher Einzelgänger bin und sehr gern meine Ruhe habe, muss ich doch ihren entspannten Kollektivismus bewundern. In der Mittagspause bleiben die meisten zusammen im Klassenzimmer, schauen einen Film oder schlafen. Den Anblick von 30 auf ihren Tischen schlafenden Studenten, vergisst man nicht so schnell. Ich möchte sie umgehend adoptieren.
Aber auch ich lerne von ihnen. Z.B. lerne ich schöne Formulierungen aus ihren Aufsätzen. Wang Shu schrieb einmal: „Das war so langweilig, dass ich begann die Realität zu schwänzen.“ Lee Rungi kam eines morgens in die Klasse und sah ganz traurig aus. Auf meine Frage, was los sei, sagte sie: „Heute bin ich sehr tragisch.“ Sofort beschloss ich nie wieder traurig, sondern nur noch tragisch zu sein. Tragisch sein, heißt seine Trauer zu inszenieren, zu genießen.
Aber ich lerne auch viel übers Land. So lerne ich etwas über chinesische Sprichworte. Einen grünen Hut zu bekommen, ist in China etwa das gleiche, wie wenn man bei uns gehörnt wird.
Das chinesische Stilempfinden sagt, dass eine Kleiderkombination in rot und grün schlimmer als Scheiße sei. (Natürlich kam nach dem Unterricht gleich Lizzie Lee zu mir und erklärte, dass man, wenn das Individuum groß genug ist, alles tragen kann.)
Ein anderes mal sollten meine Schüler einen Vortrag darüber halten, was in China für Ausländer vielleicht sonderbar sei. Eine Schülerin sagte: „Sonderbar an China sind die vielen verschiedenen Religionen, z.B. der Buddhismus und die Kommunistische Partei.
Machthaber Chinas zieht euch warm an, ihr seid enttarnt!

Ich kam nach China aus Neugierde und Langweile. Ich fand diese begeisternden Studenten, deren Lehrer ich sein darf. Es macht viel Spaß in einem Land, das so dynamisch aus der Vergangenheit in die Zukunft stürmt, wie China es gerade macht, mit so neugierigen Studenten zusammenzuarbeiten. Dass ich meine Studenten so gerne mag, liegt nicht nur daran, dass manche von ihnen kleine Luftsprünge machen, winken und rufen: „Herr Buchholz“, wenn sie mich auf der Straße sehen.* Ihre Neugierde und ihr Optimismus inspiriert mich. Das Leben in China ist härter als in Deutschland, doch die Menschen sind noch nicht so verbraucht und abgeklärt. Das gefällt mir am besten.

* Ich sollte die Sprünge filmen und verkaufen, es wäre das ideale Heilmittel für Depressionen. Immer wenn ich schlecht gelaunt bin und im Geiste einen Beschwerdebrief ans Leben schreibe, sieht mich eine junge Chinesin, hüpft, winkt und ruft Herr Buchholz! Dabei ist es unmöglich, seine schlechte Laune zu behalten: Es ist schwer, in China deutsch zu bleiben (Na bitte noch ein Klischee.)

2 thoughts on “Was mir gefällt

  1. Kalle, dein blog gefaellt mir sehr! Deine anmerkungen sind immer interessant. Und durch deinen blog lerne ich auch deutsch weiter ))
    Uebrigens, habe ich Massage video on youtube nicht gefunden… Bist du sicher es heisst genau so?
    Ich muss auch sagen, dass in Russland die kombination von rot und grun wie in China geschmaktlos ist ))
    Ich warte mich auf die Fortsetzung!

  2. ich entwickel mich zu einem echten Fan und lese die Beitraege mit grossem Vergnuegen – besonders die Beobachtungen aus dem Unterricht sind einfach herrlich !!!!

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