China, Herr Buchholz und der Weiße Affe.

image_pdfimage_print

Mein China ist eine schmale Straße, die eher unentschlossen von Nord nach Süd geht: die Lushan Lu. Dort wohne ich und es ist der Ort, an dem sie mich Herr Buchholz nennen. Hier leben viele Chinesen, die wichtig sind, meine 63 Schüler, die mir wichtig sind und ein Weißer Affe, der sich für wichtig hält.
Herr Buchholz macht sich oft Sorgen, weil er das Gefühl hat, er sei nicht mehr so anpassungsfähig wie früher, dass er sich wie ein alter Mann verhalte. Der Weiße Affe mag, dass die Frauen hier Weiße Affen mögen und dass keine ihn wie einen alten Affen behandelt. .

Auf der Lushan Lu, da ist China …

Die Lushan Lu ist ein Faden, auf dem ich täglich hin und her rase, wie das Schiffchen einer alten Webmaschine. An der Lushan Lu liegen drei Universitäten, ein paar Schulen und Einkaufszentren und eine Unmenge von Restaurants, deren Besitzer die Tische zurechtrücken, wenn sie den weißen Affen sehen. Herr Buchholz meint, die Straße sei der Faden, an dem er täglich ziehe, woraufhin ihm jeden Tag China ins Gesicht schlage, er versuche alles zu sehen und zu verstehen; der Weiße Affe, dem egal ist, ob er verstanden wird, hört Herrn Buchholz selten zu.
Auf der kleinen Lushan Lu gibt es alle Arten von Geschäften, Läden, Restaurants und sogar einige Bars. Es gibt Gemischtwarenläden, die aussehen, wie Berliner Späties, die aber schließen, wenn ein Berliner Trinker erwacht.
Es gibt Gebrauchswarenläden, wie es sie in Deutschland einmal gab. Im einem sitzt in seinem Chaos ein runzliges Männchen, das genauso gebraucht aussieht wie seine Waren. Er kann zahnlos lächeln, und wenn ich komme und mal wieder auf eine Glühbirne zeige, spricht und lacht er. Dass ich kein Wort verstehe, weiß er, doch stört es ihn nicht. Denn Einkaufen ohne zu schwatzen, das geht nicht. Herr Buchholz kann ihn weder verstehen noch antworten, doch der weiße Affe lacht einfach mit, wenn der lacht. Das scheint ihm zu genügen und kann manchmal Minuten lang so gehen.
Herr Buchholz meint, das Affengeschnatter sei schuld daran, dass ich kein chinesisch lerne. Aber der Weiße Affe weiß genau, dass Herr Buchholz es genießt, nicht jeden Idioten zu verstehen. Ich sage dazu nichts.
Auf der Straße bekäme ich Kleidung nach chinesischer und westlicher Tradition und alles andere, doch meisten gehe ich hier in Restaurants essen, deren Speisekarten nicht das bieten, was in deutschen Zoohandlungen verkauft wird. Meistens steht Schwein auf der Karte. Der Affe und sein Herr finden das schade.
Dazwischen liegen auch zahlreiche Bäckereien, die aber mehr Lifestyle als Essen sind, denn wenn es ernst ist, morgens um 7:00, wenn man einen Kaffee braucht, sind sie geschlossen.
Die Bäckereien verkaufen süßes Brot und noch süßeren Kuchen und spielen süße Musik. Hier werden fast ohne Pause Liebeslieder gespielt. Es sind immer westliche Lieder, die Stimmung soll hier westlich sein. Die Kundschaft besteht meist aus dünnen Frauen und ihren männlichen Accessoires. Das Thema der Cafés ist Liebe und die soll europäisch sein. Herr Buchholz notiert, dass auch in China Liebe dann interessant sei, wenn man anders liebt, als es die Eltern machten. Der Weiße Affe addiert, dass das alles nett sei, dass Herr Buchholz sich aber dringend um seinen Sex kümmern soll, indem er sich neben die Dame am Nebentisch setzt. Herr Buchholz meint, sie sei zu jung und dünn und beißt in seinen Kuchen. Der Weiße Affe möchte die Dame beißen.
In der Bäckerei versucht Herr Buchholz seine Chinabilder mit Buchstaben auszumalen. China erlebe einen Umbruch, schreibt er, wie man ihn noch nie sah, wie es ihn vielleicht heute in verschiedenen Ländern gäbe, der aber in der Geschichte einmalig sei. Das Land erlebe eine Revolution des Lebens auf allen Ebenen und scheine an sich selbst zerbrochen. Doch ergäben diese Bruchstücke eine Einheit, die die Vielheit des neuen Chinas sei. Wer als Besucher die Augen offen halte, dem flögen die Eindrücke um die Ohren. Vielleicht könne man mehr sehen, wenn sich die Augen an den Lärm der Explosion gewöhnt haben, bis dahin aber könne er nur Bruchstücke beschreiben. Könne ein Land beschreiben, dass sich verändert. Die Industrielle, die Digitale und auch die Sexuelle Revolution seien in China eine Symphonie, bei der man nie wisse, welche Strophen improvisiert und welche komponiert seien. Dinge die in Europa nacheinander geschähen sind, geschehen hier gleichzeitig. Alt und neu, Traum und Realität stünden ineinander, liefen Hand in Hand. Ob sie sich ergänzter widersprächen, wüssten wohl weder die Sänger noch das Publikum, schreibt Herr Buchholz. Der Weiße Affe gähnt und weiß, dass Herr Buchholz viel redet, wenn er keinen Plan hat.
Herr Buchholz schreibt weiter, dass vielen Gästen China ein lautes Einerlei, ein großer Gegensatz in sich und gegen sie sei. Aber davon wird er ein andermal erzählen, wenn ich von den Langnasengastarbeiteraffen schreibe. Der Weiße Affe mag die Langnasenaffen nicht, weil sie ihn daran erinnern, wer er ist und was nicht.

Auf der Lushan Lu, da ist der Verkehr …
Viele halten mich für mutig, weil ich nach China ging, dabei war es nicht schwer nach China zu gehen; viel schwerer fällt es mir, in China eine Straße zu überqueren, selbst wenn sie so dürr ist wie die Lushan Lu. Der Verkehr ist hier weder so brutal wie in Bangkok, noch so viehisch wie in Indien, doch reicht es, um den Affen zum alten Mann zu machen.
Denn hier sind Verkehrsregeln Richtlinien, die niemand kennt. Herr Buchholz kennt das aus anderen Ländern. Das Rot, Gelb, Grün der Ampeln ist nur Lichtshow. Zebrastreifen sind ein Muster ohne Wert, wer sie ernst nimmt, endet selbst als Muster auf der Straße. Wer schaut, wird übersehen, der einzige Weg über die Straße ist, blind zu laufen. Zu Beginn gab mir dieses Verkehrsdrama nur ein Echo in meinem Kopf.
Meistens klang es so in meinem Schädel, wenn ich eine Straße überquerte:
„MeinGottMeinGott-diesmalerwischtesmich-GottGottGott-ichmusshiersterben-OhmeinGott!“
Später wurden die Gedanken offensiver:
„Arschloch-blöderWixxer-kommmirnichtzuhahe-duscheißAuto!“
Selten gelang mir buddhistische Ruhe auf den Straßen:
„—————————————————–“
Heute bin ich im Verkehr laut, Denn der Weiße Affe erwachte in mir. Er ist eigentlich ein scheues Tier, doch fühlt er sich vom Verkehr in die Enge getrieben.
Wenn drei Autofahrer meinen, der beste Ort sich gegenseitig gleichzeitig auf wechselnden Spuren zu überholen, kurz vor dem Zebrastreifen sei, wenn von der anderen Seite ein Bus kommt, dessen Fahrer nie auf die Idee käme zu bremsen, dann übernimmt der Weiße Affe mein Ruder, dann steht auf dem Zebrastreifen ein schimpfender Deutscher. Er schimpft laut und gallig. Er schimpft auf Autos im allgemeinen und auf chinesische Autofahrer in besonderen, Worte wie Trottel und Idiot sind nett, im Vergleich zum Schimpfen des Affen, er schimpft wie ein alter Mann, der mit der Jugend unzufrieden ist. Aber simsalabim saladu saladim, sobald er die andere Straßenseite erreicht, bin ich wieder da und schäme mich für meinen Affen. Mein Affe aber lacht darüber, wie alt er ist, wenn er im Verkehr steht.
Besonders laut schimpft der Weiße Affe am morgen, wenn er müde ist. Ich denke, dass meine Schüler den Affen manchmal am Morgen begleiten sollten, so könnten sie in nur wenigen Minuten alles lernen, was sie über deutsche Schimpfwörter wissen müssen und ich könnte mir die Lektion im Unterricht sparen. Allerdings will Herr Buchholz nicht, dass seine Schüler wissen, dass ihr Lehrer ein Affe ist.
Überhaupt stören mich viele Dinge dann, wenn ich müde bin. Da ist zum Beispiel das chinesische Gerotze und Geschmatze. Während des Tages ist das halt so, da kann man halt nichts machen, da sind sich der Affe und Herr Buchholz einig. Aber am Morgen, wenn ich müde bin, dann kann ich’s nicht ertragen. Stell dir folgende Situation vor. Es ist früh, du gehst zur Arbeit. Du arbeitest an einer Uni in der Mitte einer langen Straße. Die Straße herauf und herab liegen viele chinesische Studentenwohnheime. Am Morgen ist die schmale Straße körpereng und die kleinen Restaurants sind voller Körper. Du musst früh aufstehen, um einen Tisch für dich zu bekommen. Oft gelingt dir es nicht. Dann sitzt du mit vielen Chinesen an einem Tisch, alle Chinesen starren apathisch in ihre Suppe und schlürfen und schmatzen laut.
Herr Buchholz und der Weiße Affe reagieren ganz unterschiedlich auf diese interkulturell kritische Situation.
Herr Buchholz, der ethnologisch geschult ist, versucht es meist mit Geduld, welche bald in stummes Leiden mündet. In jeder Sekunde werden die Laute der offenen Münder eindringlicher. Die müden Augen um ihn herum erscheinen Herrn Buchholz immer blöder. Unwillentlich wie ein Furz entfährt ihm ein tadelndes Schnauben und mit bösem Blick fixiert er besonders enthusiastische Schmatzer. An besonders müden Morgenden tadelt Herr Buchholz sie auf Deutsch. Doch niemand versteht ihn und niemand ist sich irgendeiner Schuld bewusst. Niemals.
Natürlich nicht, notiert Herr Buchholz. Sie machen ja auch alles richtig, sie sind wie Chinesen in China. Müde starrt er in seine Nudelsuppe und überlegt, ob er mitschmatzen oder sich in seiner Suppe ertränken soll. Er fühlt sich wie eine alte Dame, die eine Zuckerzange im Herzen trägt, er fühlt sich alt.
Der Weiße Affe, der auch ethnologisch geschult ist, ist weniger geduldig als sein Herr. Außerdem – das wissen nur wenige – versucht der Weiße Affe Herrn Buchholz zu schützen. Er mag ihn. Wenn also der Essenslärm der Chinesen Herrn Buchholz traurig macht, dann putzt sich der Weiße Affe die Nase. Er trompetet lang, er schnaubt sich laut, denn das finden Chinesen ekelhaft. Meist folgt dem affigen Nasenkonzert Stille. Das Schmatzen verstummt, die Chinesen schauen mich an. Aber keiner sagt etwas, denn China ist ein ausländerfreundliches Land. Weiße Affen werden hier respektiert.

Auf der Lushan Lu da ist der Musiklärm
Neben dem Verkaufsgeschrei und dem Gehupe steuert jeder kleine Laden, jedes Restaurant seine eigene Musik zum Sound der Straße bei. Wenn ich hinschaue, sagen mir meine Ohren, wo ich bin, denn manche Läden spielen den ganzen Tag dasselbe Lied. Die meisten Lieder kenne ich nicht. Ich kann chinesische Popstücke nicht unterscheiden, es sei den, es geht um Äpfel. „Der kleine Apfel“ war der Hit des Jahres. Es ist so nervös und optimistisch wie China selbst, und wurde für mich zum Rhythmus der Stadt. Wenn man man irgendwo in Changsha bleibt und lauscht (am besten mit Ohrenstöpseln), kann man immer den „kleinen Apfel“ hören. Wenn er rechts von dir verstummt, spielt er hinter dir, streiken die Läden, kommt eine Chinesin vorbei und singt.
Der allgegenwärtige Lärm ist eines meiner wenigen Probleme in und mit China, ich gewöhne mich nicht daran, es lässt mich affig werden. Immer wird gehupt, gebrüllt und gelärmt. Herr Buchholz vermutete, der Lärm wäre Vergnügen. Da er das Warum nicht kannte, dachte er, die Antwort sei, dass der Lärm Spaß mache. Das ist falsch, oder besser es ist nur die halbe Wahrheit. Herr Buchholz hat seine Probleme mit diesem Spaß, da dem Weißen Affen aber solche Dinge für gewöhnlich Spaß machen, habe ich ein Experiment gemacht – teilnehmende Beobachtung – der Affe sollte mitlärmen: er hatte keinen Spaß. Allerdings verstummte der Weiße Affe auch nicht, sondern wurde immer lauter.
Heute lärmen wir immer noch mit, leider schreien wir nicht aus Spaß, sondern aus Wut. Wenn es um mich wieder brüllt, hupt und lärmt, dann brülle ich dagegen an. „Halts Maul“, brüllt der Weiße Affe, “Seid still, ihr seid alle dumm“, brüllt Herr Buchholz. Ich bin mir einig, es ist zu laut.
Vielleicht ist das ja auch die Lösung: halb China brüllt, weil’s ihnen Spaß macht und die andere Hälfte brüllt, weil’s ihnen zu laut ist. Ich weiß, dass meine Erkenntnis keiner ethnologischen Prüfung standhält, aber das ist, wie der weise Weiße Affe weiß, egal.

Auf der Lushan Lu da sind die Chinesen
Ich kann nicht aufhören, mich über die Menschen auf der Straße zu wundern. Man sieht faltige und frische Gesichter, Mao-Anzüge und Miniröcke in amerikanischen Farben. Manche Menschen hier kommen aus reichen Familien und wohnen in Palästen. Andere kommen aus Hütten und kehren jeden Abend in diese zurück. Auf der Lushan Lu findet – wer sucht – McDonalds, KFC, Starbucks und Pizza-Hood Filialen. Es gibt die teuersten und die billigsten Restaurants, verlässt man die Straße, geht man nur wenige Schritte in die umliegenden Gassen, sieht man selbstgebastelte Baracken, deren Bewohner auf jedem freien Meter Gemüse anbauen. Das ist kein Hobby, das müssen sie machen, um zu leben. Und alle freuen sich, mich zu sehen. Die höheren Söhne und Töchter wollen ihr – meist schlechtes – Englisch an mir ausprobieren.
Wenn ich das zweite Mal in einem kleinen Imbiss esse oder trinke, dann freuen sie sich besonders. Oft lassen sie alle in der Schlange stehen, um mich zuerst zu bedienen. Hier bin ich ein VIP. Herr Buchholz notiert: „China macht Spaß, aber es verdirbt den Charakter.“ Ich weiß nicht, was der weiße Affe dazu sagen würde, denn der ist abgelenkt. Das Restaurant, in dem wir heute zu Mittag essen ist so voll, dass mich die (von mir begeisterte) Besitzerin an einen vollen Tisch gelotst hat. Als sich die Essensdämpfe verzogen haben, erkennen Herr Buchholz und sein Affe, dass sie von glücklichen Zahnspangen umgeben sind. Jungen weiblichen Zahnspangen. Und sie alle sahen uns an. Herr Buchholz wurde ganz schüchtern, der weiße Affe warf sich in Heldenpose.
Die eine sagte: „You are so handsome“. Die andere machte weiter: “Really handsome“.
Der schüchterne Buchholz richtete sich ein paar Zentimeter auf, der alberne Affe wurde zum weißen Aufblasballon.
Sie wollten mit mir sprechen, meine Telefonnummer haben und mich bald wiedersehen. Herr Buchholz versucht oft, die Situation zu beenden, indem er sagt, wie alt wir sind. Der Weiße Affe lässt ihn machen, denn er weiß, es ist den jungen Frauen egal. All die Komplimente und Aufmerksamkeit machen mich jung. China macht mich jung. Herr Buchholz schafft es nicht, einen vernünftigen Satz dazu zu schreiben und der Weiße Affe ist damit beschäftigt, die nächsten Schritte zu planen.

Die Lushan Lu in den Jahreszeiten.

Nun bin ich über ein Jahr hier und kenne die Lushan Lu zu allen Jahreszeiten. Der Sommer ist mir hier wie überall die liebste Jahreszeit, auch wenn es im Spätsommer unheimlich werden kann, dann beginnt nämlich das erste Studienjahr der neuen Studenten und das beginnt mit einem militärischen Training. Die ganze Lushan Lu scheint dann in Tarnfarben gestrichen und Herr Buchholz und sein Affe rücken nah zusammen, alles militärische mögen sie nicht.
Früher mussten die Studenten ihr Militärtraining sogar auf dem Land in Militärcamps machen. Aber heute werden sie in der Universität gedrillt. Ein Student erklärte mir, dies sei so, weil das Training vor allem die nötige Disziplin fürs Studium aufbauen sollte. Ein anderer unterbrach und sagte, dies sei Unsinn, das Training bereitete auf die Verteidigung des Vaterlandes vor. Es fände nun in den Universitäten statt, weil manche Eltern sich beschwert hätten, wenn ihr Zögling beim Training gestorben sei. Wenn in der Universität trainiert würde, dann wären solche Dinge das Problem der Uni und nicht des Militärs. Der Weiße Affe, der ein Zyniker ist, glaubt eher an die zweite Erklärung. Die erste wiederum findet Herrn Buchholz‘ Sympathie, denn er ist Lehrer.
Wenn dann das Semester Alltag wird, ist es auch schon fast Weihnachten. Die Chinesen lieben Weihnachten. Einige Restaurants, viele Geschäfte und alle Bäckereien ergeben sich dem Weihnachtswahn. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollen sie auch Geschenke, vielleicht suchen sie ein wenig Exotik. Wahrscheinlich ist Hollywood schuld. Ich weiß es nicht, aber man sieht überall in der Stadt chinesische Weihnachtsmänner. Zu Maos Füßen, vor der Statue des großen Steuermanns, tanzen chinesische Weihnachtsfeen gehüllt in ein rotes Weihnachtsnichts. Ich weiß das genau, Herr Buchholz und der Weiße Affe haben sie lange beobachtet. Als Langnase wird man dieser Tage zum begehrten Fotomotiv, wenn man vor irgendeiner Weihnachtsdekoration steht.
Das alles ist nicht schlimm, schlimm sind die Lieder. Ab Anfang Dezember gibt es keine Tage mehr ohne Weihnachtslieder, ab Mitte Dezember vergeht keine Stunde ohne jinglelei. Das Problem ist, dass die Chinesen nicht viele Weihnachtslieder kennen, sich davon aber nicht abhalten lassen. Leicht kann es passieren, dass man in zehn Minuten vier Versionen von jingle bells hören darf.
Oh, jingle bells, jingle bells
jingle all the way

Ich habe erst in China verstanden, dass das eine Drohung ist.
Hin und wieder werden auch deutsche Weihnachtslieder gespielt. Stille Nacht, Oh Tannenbaum, die üblichen Verdächtigen. Meine beiden blinden Passagiere sind beunruhigt.
„Das gehört nicht hierher“, knurrt Herr Buchholz, „Ich will nach Hause“, jammert der Affe. „Aber eigentlich“ notiert Herr Buchholz kurze Zeit später, ist das Unbehagen, das ich fühle wohl dasselbe Unbehagen, dass ein Chinese fühlt, wenn er in Berlin in jedem Schaufenster Buddhastatuen und die Speisekarten der chinesischen Restaurants mit falschen Konfuzius-Zitaten gewürzt findet. Das was Hinz und Kunz unter europäischer Kultur verstehen – Weihnachten, Beethoven und das Recht sich über andere Kulturen lustig zu machen – gehörte nie nur nach Europa.
Das beliebteste Weihnachtslied ist aber auch in China „Last Christmas“. Für mich ist eigentlich nicht Weihnachtszeit, bis ich das erste Mal die Strophen
Last Christmas I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears,
I’ll give it to someone special
gehört habe.

Herr Buchholz findet den Text unbeschreiblich frustrierend und er hat notiert, dass er mehr in ihm findet, als er über Menschen wissen will. Der Weiße Affe findet ihn unsagbar lustig und er glaubt, dass er einem alles sagt, was man über Menschen wissen muss.
Der Weiße Affe übersetzt den Text mit: „Jedes Jahr der gleiche Scheiß, aber ich gebe nicht auf!“ „Letztes Jahr bin ich voll auf die Fresse geflogen aber dieses Jahr schaffe ich’s, da finde ich die wahre Liebe, den perfekten Job, Freunde, die mich verstehen und das ganz große Glück!“
Der Affe meint, dass Affen optimistisch sein müssen, um weiterhin Affen sein zu können.
Herr Buchholz hat notiert, dass er es hier mit Albert Einstein hält, dass die Definition des Wahnsinns sei, immer wieder das Gleiche zu tun und neue Ergebnisse zu erwarten. Herr Buchholz denkt nämlich, dass Menschen aus seinen Fehlern lernen sollten. Aber Herr Buchholz ist ja auch Lehrer und daher von Beruf seltsam.
Die Zeit zwischen Weihnachten und Semesterferien bezeichnet Herr Buchholz als tote Zeit. Eigentlich wartet er nur noch auf seine Abfahrt in die Ferien und Dinge, die ihm sonst gefallen, empfindet er nun als störend. Der Affe sagt nichts, denn als fantasiebegabtes Tier ist er schon mal vorgefahren. Wahrscheinlich ist Herr Buchholz nur wütend, weil er allein zurückgelassen wurde.
In die Ferien fällt das Frühlingsfest. Und die Stadt ist leer. Die beste Art die Straßen Changshas während des chinesischen Frühlingsfestes zu beschreiben, ist nichts zu schreiben, denn genau das passiert: es passiert nichts.
Gegen Ende des Semesters kann man die Zahnräder des chinesischen Bildungssystems mahlen hören; die Studenten, die zu Beginn ihres Studiums in Tarnfarben durch den militärischen Drill mussten, tragen jetzt Talar und Doktorhut: sie sehen glücklich aus. Sie wirken so optimistisch, wie die Soldaten, die in den ersten Weltkrieg gingen. Das Leben in China bietet auch nach dem Studium keine Sicherheiten, aber wer meint, dass es in Europa besser wäre, hat die Welt nicht verstanden. Trotzdem ist es die perfekte Zeit, um durch einen chinesischen Campus zu gehen. Weiße Affen fangen sich noch mehr Lächeln ein als sonst.
Zur selben Zeit aber kann man in den Straßen viele junge Zombies sehen, die 16-17 Jährigen sehen müde aus. Es ist Gao Kao Zeit. Eigentlich ist die ganze chinesische Schulzeit Gao Kao Zeit, aber im Sommer wird es ernst. Das Gao Kao ist das chinesische Abitur. Wer eine Bestnote bekommt, darf auf eine Elite-Universität, wer eine durchschnittliche Note bekommt, geht auf eine provinzielle Wald und Wiesen Uni, wer durchfällt, wird in die Wüste geschickt. Eltern warnen Kinder schon in der ersten Klasse davor, wie schlimm es wäre, wenn sie am Ende nicht zu den Besten gehörten. Das ist zumindest, was man über das Gao Kao lesen kann. Und auch meine Schüler haben mir ähnliches erzählt. Eine sagte, dass sie jeden Abend geweint habe und danach nicht schlafen konnte. Oft hatte ich mich gewundert, wie meine Schüler das harte Studienprogramm mit einen Lächeln ertragen konnten. Sie sagten mir, verglichen mit dem Gao Kao, sei es leicht gewesen.
Das erste Mal aufmerksam wurde ich auf das chinesische Abitur, als ich relativ nichtsahnend eine Hausaufgabe über das chinesische Bildungssystem schreiben ließ. Einige Schüler schrieben, dass das System reformiert werden müsse, weil sich jedes Jahr Schüler wegen des Druckes umbrächten. Eine Schülerin griff das Thema in unterschiedlichen Aufsätzen immer wieder auf. So das Herr Buchholz vermutete, dass sie jemanden gekannt hatte, die/der sich umgebracht hatte. Herr Buchholz ist immer noch traurig, wenn er daran denkt. Der Weiße Affe, der oft direkter denkt, wurde traurig, als die Schüler eine recht simple Grammatik-Aufgabe lösen sollten. Sie mussten Sätze vervollständigen. Der Beispielsatz war: Glück ist, in der Sonne zu liegen. Viele Schüler schrieben: Glück ist, keine Prüfung zu haben.

Als anderthalb Jahre vergangen waren, war … !
Zu der Zeit, als ich der Stadt überdrüssig wurde, begann ich sie zu vermissen. Ich nostalgiere also für etwas, das vor meinen Füßen liegt. Einerseits langweilen mich meine täglichen Wege in Changsha, anderseits kümmert mich der Gedanke, sie zu verlassen.
Das mag albern klingen, ist aber – wie vieles alberne in meinem Leben – logisch. Denn wenn ich gehe, wird Changsha zu einem weiteren beendeten Kapitel meines Lebens. So schaue ich alte Filme und wundere mich übers Vergehen der Zeit. Herr Buchholz sortiert seine Erinnerungen und träumt von der Zukunft und selbst der Weiße Affe, der gern ein sorgloses Tier wäre, zählt unsere Falten.
Dinge zu vermissen, die noch da sind, scheint ein dummer Trick zu sein. Ich bin kein weiser Affe und eigentlich habe ich bloß gelernt, Abschied zu nehmen. Herr Buchholz meint, dass er reifer geworden sei und gelernt habe, die Abschiede zu genießen. Der Weiße Affe sagt, Herr Buchholz habe seine nächste Midlifecrisis und sollte sich ums Heute kümmern.
Wie auch immer, wenn ich gehe, gehe ich ins nächste China. Denn bisher lebte ich nicht in China: ich lebe auf der Lushan Lu.
Doch die Lushan Lu verändert sich. Ich hatte schon erwartet, dass ich niemals nach Changsha zurückkommen könnte. Weil das Changsha, das ich in ein paar Jahren einmal besuchen werde, eine ganz andere Stadt sein wird, als die die ich kennengelernt habe. Herr Buchholz dachte, dass die alten Straßen und Gassen, die er liebt, sterben würden und der Weiße Affe glaubte, dass dort Hochhäuser wachsen würden, auf die er klettern könnte, um Flugzeuge zu fangen. (Der Weiße Affe hat ein gewaltiges Egoproblem)
Beides war falsch. Die Lushan Lu wird renoviert, sie und die Gassen, die sich zum Berg erstrecken, werden auf alt geschminkt. Am Berg steht eine alte chinesische Universität, nicht ihre Häuser, aber die Institution ist älter als Deutschland und in den chinesischen Reiseführern ist sie weltbekannt, und das soll wohl auch so werden. Um den Berg erstreckt sich ein Labyrinth aus Sträßchen mit alten, hässlich gekachelten Häusern: eigentlich eher Gossen als Gassen. Diese Baracken werden nun schön gemacht, werden weiß getüncht und bekommen chinesische Dachelemente aufs Haupt gesetzt. Und fertig ist die berühmte Attraktion. Wirklich, ich werde das Changsha, in das ich zurückkehre, nicht kennen.
Egal, nichts ist, wie es scheint – in China nicht und anderswo auch nicht.
Ist China kommunistisch, konsumistisch oder bloß Einparteiendiktatur? Herr Buchholz weiß das nicht, doch meint er, dass die meisten, passend zu ihrer Weltanschauung und schneller als sie denken können, eine einfache Antwort fänden. Den meisten käme es nämlich nicht aufs Denken an, sondern darauf, eine Antwort zu haben. Denn wer eine Antwort hat, muss nicht mehr denken. Auch wenn er glaubt, dass er zu den Realisten gehöre, die nur glauben, was sie sehen, gehört er doch eigentlich zu den Konformisten, die nur denken, was sie glauben und so ihre Antwort täglich wiederfinden. Viele Langnasenaffen machen das besonders gut, wenn sie nach China kommen. Ihre Reisekoffer voller Antworten lernen in China nichts über China und predigen stattdessen den Westen, denn dessen Handbuch haben sie auch gelesen.
Der Weiße Affe weiß gar nichts. Er weiß weder wie China noch wie der Westen funktioniert, doch hat er vor langer Zeit beschlossen, niemandem mehr zu glauben, der sagt, dass er es wüsste. Herr Buchholz hat dem Affen erzählt, dass er gelesen habe, dass die kommunistische Partei Chinas wie Gott sei, sie sei immer da, doch sehe man sie nicht. Der weiße Affe hat’s nicht verstanden, fand’s aber ästhetisch.
Herr Buchholz fährt fort, dass gern davon ausgegangen wird, dass China kapitalistisch werde, dies sei aber ein Fall von „ich denke, was ich glaube,“ da der „kommunistischen“ Partei Chinas letztendlich alle Unternehmen gehörten. Alles Wirtschaftliche Chinas sei politisch kontrolliert. Das hat Herr Buchholz gelesen. Den Weißen Affen überrascht das nicht, denn Herr Buchholz liest viel.
Westliche Politiker kritisieren gerne diese Herrschaft des Politischen übers Wirtschaftliche. Vielleicht aus Neid, denn die Wirtschaft steht in den Demokratien über der Politik.
So gibt es östliche Staaten, die freie Marktwirtschaft spielen, aber alle Wirtschaft kontrollieren, und es gibt westliche Staaten, die Demokratie spielen, in denen die gewählten Regierungen aber einer Wirtschaft untergeordnet sind, deren Akteure man höchstens als Arbeitgeber wählen darf. Was soll’s, sagt der Weiße Affe, wenn man weit genug nach Osten geht, kommt man in den Westen.
Herr Buchholz sagt es so: Die Macht in Ost und West ist nicht dort versteckt, wo alle hinsehen. Es ist ein Hütchenspiel, sagt der Weiße Affe, der ein linkes Tier ist.
Damit weiterhin niemand in die richtige Richtung schaut, haben wir hüben wie drüben ein Narrativ.
In China ist das Narrativ kommunistisch. Manche meiner Schüler wollen in die Partei und müssen daher manchmal Propaganda-Verunstaltungen besuchen. Als der Affe sie aber fragte, was Kommunismus sei, konnten sie nicht antworten, Damals musste Herr Buchholz lachen.
Aber auch der Westen hat natürlich sein Narrativ und das heißt Menschenrechte und das ganze Gedöns.
Nicht dass Herr Buchholz oder der Weiße Affe Menschenrechte schlecht fänden, aber sie haben das Gefühl, dass diese Rechte nur für eine bestimmte Sorte Mensch gelten würden: den aufgeklärten Menschen, den Westler. Der hat die Aufklärung gehabt und dabei die Meinungsfreiheit erfunden, deshalb ist seine Meinung die beste aller Meinungen, denn seine Meinung ist frei. Und weil der westliche Mensch die beste aller Meinungen hat, ist er der beste Mensch von allen. Deshalb werden auch für zwölf Tote in Paris Hektoliter an Tinte vergossen, wohingegen das Blutvergießen im Rest der Welt keiner echten Träne wert ist. Die Ideale der Aufklärung sind zwar des Westens Fahne, aber sie sind nur noch Chiffren für die westliche Überlegenheit und bedeuten so wenig wie Kommunismus in China. Ach, wie gut ist es doch, dass wir die Aufklärung hatten, besser wäre es aber, wir klärten uns selbst weiter auf, anstatt andere dafür zu verurteilen, dass sie nicht sind wie wir.
Das chinesische und das westliche Narrativ sind sich nämlich ähnlich. Es ist ein Ablenkungsmanöver, wie ihn jeder Trickser beherrscht: schaut nicht auf mich, schaut dorthin. Beide begnügen sich damit, recht zu haben, womit sie aber recht haben, das verraten sie nicht; wichtig ist nur, recht zu haben, das bessere System zu sein und die Untertanen an die schlechtere Alternative zu erinnern.
Und was machen der Herr und sein Affe jetzt?
Im Westen gibt es Pegida, Putin und Heerscharen von demokratisch gewählten Politkern, die zu doof sind, um zu merken, wie dämlich sie sind. Dort müsste der Weiße Affe Buchholz mitmachen und deshalb verbleibt er auf der Luschan Lu, ist alt und jung und amüsiert sich über seine Beliebtheit und seine eigenen Meckereien.
Der Osten hat für ihn nämlich viele Vorteile. Zum einen versteht er hier selten, wenn Idioten dumme Dinge sagen, weil er zu dumm ist, die Sprache der Idioten zu lernen; und zum anderen ist er froh, dass er hier alles falsch machen darf, da er ja ein Affe von außerhalb ist. In Deutschland ist es mir manchmal schmerzhaft, ein Außenseiter zu sein, weil von mir erwartet wird, kein Außenseiter zu sein. In China aber erwarten alle vom Weißen Affen, alles falsch zu machen und darin bin ich erstaunlich gut. Hier muss ich nach keinen Chiffren tanzen.
Und obwohl Herr Buchholz sich alle Mühe gibt, soviel richtig zu machen, wie er kann, ist sein Affe glücklich.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *