Affenkarussell

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Ich bin im Juli in Nanjing gelandet aber heute – im November – fühle ich mich immer noch schwerelos und unverbunden. Das ist nicht schlecht, das ist nicht gut: das ist das Leben, das ich immer wollte, ohne dass ich es kannte und das ich nun, da ich es lebe, verwundert betrachte wie Fremde, die ich morgens in meiner Wohnung finde, und die mir sagen, sie gehörten zu mir.
Nur, von welchem Wohnen spreche ich? Ich bin immer weitergegangen und dabei ein Reisender geblieben: Jekaterinburg, Berlin, Changsha Nanjing: vier Heimaten – 6 Jahre; nachts fahren sie in meinem Schädel Karussell mit mir und wenn ich erwache, weiß ich nicht, wo ich bin.
Der weiße Affe klatscht dann begeistert in die Hände und macht Affenlaute – NochmalNochmalNochmal – aber Herr Buchholz liegt still in mir und denkt an Kreise und Ziele.
Als ich Changsha verließ, hatte ich die Schnauze voll von der Stadt, ich hatte genug von diesem Ort wie selten von einem zuvor. Changsha war mir zu laut. Changshas Lärm verfolgte mich bis nach Hause, mein Haus wurde entkernt und saniert und dasselbe geschah mit der ganzen Stadt: geschieht vielleicht dem ganzen Land: Entkernung und Sanierung. Doch ich greife zu weit, will nicht über den Staat China schreiben, nur über die Stadt Changsha und die ist eine Baustelle.
Changsha ist eine Baustelle. Wem das bekannt erscheint, bitte melden. Und jetzt runter mit den Händen: Ihr habt nicht recht. Vergesst Berlin: Berlin ist keine Baustelle, ist es nie gewesen. Verglichen mit Changsha: verglichen mit chinesischen Stadtprojekten ist Berlin ein Sandkasten ohne Förmchen; ein Plan ohne Ideen. Aber immerhin: Berlin darf wachsen, wo Changsha es soll, es muss.
Changsha soll mit der Nachbarstadt Zhuzhou zusammenwachsen. Wobei wachsen wohl das falsche Wort ist, bei wachsen denke ich an Bäume, an Städte, deren Bewohner ihre Glieder strecken, sich ausbreiten und die Stadt ins Umland mitnehmen. Ein Wachstum also, das vielleicht einem inneren Gesetz, seiner DNA folgt, dem aber kein bürogemachter Plan zu Grunde liegt.
Geht man in Changsha nach Süden, dann kommt man in den Raum zwischen den Städten, die eine Stadt werden sollen. Wer Berlin kennt und sich an das Baustellchen am Potsdamer Platzes erinnert, dehne einfach seine Erinnerung auf die Fläche Neuköllns aus und sieht Südchangsha. Im Rest der Stadt stehen die Baustellen in der Stadt wie schmutzige Oasen. Im Süden erstreckt sich eine einzige Baustelle: ein Meer aus Beton, Lärm und Arbeit. Hier muss das neue Stadtzentrum von Changsha/Zhouzhou werden.
Merkwürdigerweise sind die Parks in diesem Zentrum in spe schon fertig: kleine grüne Inseln im Betonmeer, die schon bewohnt sind. Vor einen Jahr als meine Freundin noch Obst Obst hieß, war ich dort. Es sind schöne Parks unter Kränen. Es gibt künstliche Seen und alte Flüsse, Hügel, Teestuben und McDonaldsfilialen und es sind viele Menschen hier. Auch wenn noch gebaut wird, sind die Parks schon in Betrieb. Die Parkbesucher spazieren, essen, lachen, scherzen, angeln, spielen Mahjongg, Karten oder Federball und regelmäßig bricht sich über ihnen eine Lärmwelle, wie das ohrenbetäubende Schlagen eines Großbohrers. Das erstaunliche war, niemanden schien es zu stören. Während mein Kopf bald schmerzte, machten die Flaneure weiter, als wäre der Lärm Teil einer Parallelwelt, die nur weiße Affen erreicht. Dieser Affe und Herr Buchholz waren sich aber einig, sie wollten schnell weit weg und nicht zurückkommen.
Doch auch in den bewohnten Bezirken der Stadt sind Baustellen Teile des Ganzen, das Changsha ist, und überziehen sich selbst mit einer Schliere aus Lärm und Staub.
Hier denken Herr Buchholz, der Weiße Affe und ich oft, wir seien ein Alien. Wir stehen im Licht der Neonversprechen der Reklametafeln, die die Turmbauten umranken und beobachten Menschen, die auf ihren Wegen von A nach nirgendwo laufen und dabei nichts sehen, weil sie nur ihr Handy sehen.
Ich frage mich: „was tun sie und warum tun sie es.“?
Die Hochhäuser stören meine Sicht. Zwischen ihnen fühle ich mich allein, denn hinter den Glasfassaden liegen – das weiß ich – abertausende Quadratkilometer Büroraum, bewohnt von Büromenschen und die sind mir fremder als Höhlenmenschen, denn Höhlenmalereien verstehe ich, aber Aktienkurse nicht.
Eines ist sicher, sie sind modern und ich bin hier der Primitive.
Changsha war mir oft unheimlich.
Heute in Nanjing ist mir vieles wieder vertrauter. Da ist zunächst mein Heim, das erfreulich kakerlakenfrei ist. Ich fühle mich zuhause im 6 Stock meiner mittelalten Mietskaserne, gelegen in einem Labyrinth autobreiter Gassen.
Nicht weit weg ist die Schule, in der ich nun arbeite, und um mich herum sind erfreulich wenig hohe Häuser. Manche haben tatsächlich nur ein Stockwerk, bilden krumme und schräge Gassen, in denen ich zwar China finde, aber auch, wenn ich Heimweh habe, deutsches Brot, Steinofenpizza und gutes Bier bekomme. Nanjing ist schön und komfortabel. Nanjings Straßen sind gesäumt von Bäumen, die das goldene Licht grün brechen.
Ich mag es, in Nanjinger Bars zu gehen und Menschen zu treffen, mit denen ich reden will. In Changsha hatte ich in der einen europäischen Gastarbeiteraffenbar das Gefühl, das die Gäste nur deshalb miteinander redeten, um sicherzustellen, dass sie alle das gleiche sagen, um zu zeigen, dass sie zusammengehörten: es war, als wären sie Comicfiguren, über deren Köpfen leere Sprechblasen hingen. Nie kam mir reden so sinnlos vor wie dort, aber hier rede ich wieder gern.
Nanjing ist schön und fast leise, doch fallen mir zur Erklärung meines Nanjinger Lebens nicht viele Worte ein. Denn die Straßen Nanjings sind voller tief hängender bürgerlicher Früchte, die nie, niemals Verdauungsstörungen bringen und mich zwar sättigen, aber nicht inspirieren. Kurz, mir geht es zu gut und wie immer, wenn es mir zu gut geht, beginne ich, mich zu langweilen.
Und plötzlich vermisse ich Changsha. Die Stadt Changsha, die mir oft eine Staub produzierende Maschine zu sein schien, fehlt mir. Wo ich oft nur Baustellen sah, vermisse ich nun das Unfertige. Die Provisorien zwischen den Baustellen erscheinen im Kontrast zu den fertigen Schaufenstern ehrlicher. Die Zwischenlösungen, in den Zwischenräumen ließen mich träumen, nun erscheint mir das Grobe der Stadt, aus der ich komme, gegenüber dem Glatten der Stadt, in der ich bin, wie Punk gegen Pop.
Wenn es dem Esel zu gut geht, vermisst er die Revolte. Noch bin ich aber nicht so eselig, dass ich zurück möchte. Im Gegenteil, ein paar Jahre noch, werde ich Pop hören und Punk nur denken. Doch zu lange soll es mir nicht zu gut gehen, dass wäre nicht gut für mich.
Letztendlich vermisse ich auch hauptsächlich Menschen aus Changsha. Das sind Jan, den ich immer sehen könnte, da er nicht weit ist; Lena und WZZ, mit denen ich ein eigenes Kapitel füllen sollte und Ting Ting, meine Freundin.
Also noch etwas bleiben im modernen chinesischen Luxus und dann zurück? Weiterreisen? Ankommen? Ein Buch schreiben?
Ich will mein Karussell nicht stoppen und zurückdrehen kann es man es nicht. Doch machen mich die Runden durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter vorbei an Berlin, Indien, Berlin, Jerusalem, Berlin, Lissabon, Indien, Stonetown, Berlin, Jekaterinburg, Changsha und alten Freunden nach Nanjing und darüber hinaus traurig und froh. Alle Stationen lassen sich trefflich lieben und hassen.
Tick Tack, das Karussell vergeht und mir bleibt nur die Reise. Ich habe keine Wahl, oder besser, ich habe sie schon lange getroffen. Viele Menschen bleiben zuhause, weil sie die Fremde fürchten, ich gehe gern ins Fremde, weil mir Heimat unheimlich ist, denn wenn ich zuhause bin, soll ich dazugehören, unterwegs aber, darf ich Durchreisender bleiben, bin schwerelos und unverbunden.

3 thoughts on “Affenkarussell

  1. Wir wundervoll Du schreiben kannst!!! WOW!!!
    Vieles kommt mir mehr als bekannt vor….. Auch ich
    Lebe gerade in Nanjing und komme aus Berlin.

    Liebe Grüße

    Carola

  2. Ich hab es Carola verraten :)! Bin immer wieder begeistert und könnte gern noch mehr davon lesen 🙂 Viel Spass weiter dem weissen Affen, Herrn Buchholz und Dir 🙂 LG von Claudia

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