Tick Tack

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Stehe ich, wo ich stehe, weil ich komme, woher ich komme, oder sehe ich, was ich sehe, wenn ich zurückblicke, weil ich stehe, wo ich stehe?
Erinnerungen …
Ich erinnere mich an …

Tick

das Karussell vergeht.

Tack

Anna brach vorsichtig ein kleines Stück Schokolade aus ihrem Weihnachtsmann heraus. Dann stellte sie ihn wieder weg. Sie aß die Schokolade und dann vergaß sie den Weinachtmann. Ich war enttäuscht.
Anna war die Tochter Berthas, der besten Freundin und Mitbewohnerin meiner Mutter. Ich bewunderte Anna sehr, denn sie konnte Schokolade widerstehen. Ich hatte meinen Weihnachtsmann schon gefressen – wahrscheinlich inklusive Papier und reichender Hand – und beobachtete nun Anna, um das Geheimnis ihrer Disziplin zu erfahren – und war dazu bereit, alles dafür zu tun, ihren Weinachtsmann essen zu dürfen.

Tick

Mein Papa hieß damals Mittwoch. Eigentlich heißt er Uwe und Papa sagte ich nur, wenn ich böse auf ihn war, aber jeden Mittwoch war ich bei meinem Vater. Papa war Mittwoch und Gott sprach: Es werde Mittwoch und siehe, es wart Uwe.
Ich liebte meinen Vater sehr und Mittwoch war immer ein guter Tag. Doch am besten war der Morgen nach Mittwoch, wenn mein Vater mich in den Kindergarten brachte. Mein Vater wohnte damals in Spandau und der Kindergarten, in den ich ging, bevor ich auf die Baumschule musste, war in der Stadt. Mein Vater, den ich damals für den größten Sportsmann aller Zeiten hielt, fuhr mich mit dem Fahrrad. Mein kleiner Kindersitz war am Lenker befestigt, die Aussicht auf das vorbeirauschende Berlin war berauschend und es gab kein Kind auf der ganzen Welt, dass am Donnerstagmorgen glücklicher war.
Für alle die, die das Pech hatten, nicht im Berlin der 70er Jahre geboren worden zu sein: Die Strecke von Spandau in die Stadt ist weit und für mich wird mein Vater immer der größte und wichtigste Radfahrer der Welt bleiben.

Tack

Donnerstag war Großelternzeit. Oft holte mich mein Großvater von Kindergarten oder Schule ab und dann ging es nach Steglitz. Die Wohnung meiner Großeltern war für mich eine Art wöchentliches Schlaraffenland. Da flossen Cola und Kakao, und wenn ich den Mund öffnete, flog ein Hamburger hinein.
Noch heute weiß ich, in welchem Küchenschrank, in welcher Ecke des Schrankes, meine Großeltern ihre Schokolade aufbewahrten. Groß und hoch war dieser Schrank. Zu groß und zu hoch für mich. Man könnte meinen, meine Oma versteckte dort etwas vor mir. Doch dem war nicht so. Der Weg war einfach. In den Zeiten, in denen die Artikulation längerer sinntragender Satzeineinheiten meine Sache noch nicht waren, zog ich meine Oma am Rock und schon nahm sie mich auf den Arm. Sobald ich mir es dort oben gemütlich gemacht hatte, wies ich ihr den Weg. „Da“, sagte ich und zeigte auf den Wohnungsflur. Und Oma trug mich dahin – heute bin ich sicher, sie wusste schon, wohin die Reise ging. „Da“, sagte ich und zeigte auf die Küche – die Reise ging weiter. „Da“, sagte ich und zeigte auf den Küchenschrank, den mein Oma natürlich öffnete. „Da“, sagte ich und zeigte glücklich auf die Schokolade.
Heute, nach dem Tod meines Großvaters gibt es nur noch wenig Schokolade in Steglitz. Meine Oma macht sich nichts daraus. Natürlich könnte ich sie immer noch an der Hand nehmen, in einen Supermarkt bringen und – „da“ – auf den Gegenstand meines Appetits zeigen: meine Oma würde nicht zögern.
Aber das tue ich nicht.
Aber hin und wieder, wenn ich dort bin, öffne ich den Kuchenschrank, der immer noch an der gleichen Stelle steht. Dann schaue ich auf den Platz, an dem früher die Schokolade war und der jetzt von einer besonders langweiligen Tasse eingenommen wird und denke an die Zeit, als Steglitz mein Schlaraffenland war und in diesem Schrank eine Schokoladenquelle sprudelte.

Tick

Flure – besonders Wohnungsflure – waren mir als Kind immer unheimlich. Ein Flur ist weder Wohnzimmer noch Küche und Schlafzimmer schon gar nicht. Wer im Flur schlafen muss, der hat kein Zimmer, der ist ausgeschlossen.
Flur…
Bei diesem Wort krampfte mein kindliches Herz. Es klang nach den kalten Fingern eines Luftzuges, der dich am Nacken packt, dir das Hirn entzieht und deine Fantasie verschleppt.
Der Wohnungsflur war ein Zwischenreich: kein Zimmer für Kinder. Hier blieb man nicht, hier ging man nur und ich floh. Vom Flur aus konnte man überall hingehen und das machte mir Angst, halb fürchtete ich, wenn ich unseren Wohnungsflur betrat, dass eine neue Tür erschienen wäre, die angelehnt, weder geschlossen noch offen, so wie der Flur weder drinnen noch draußen ist, ruft und sich langsam knarrend geisterhändig auftut und mich aufsog in ein schrecklich heimatloses Leben.
Erwachsene denken, dass Kinder Angst hätten vor dem Monster unterm Bett. Dieses Monster fürchtete ich nie (denn da waren keine, ich habe nachgeschaut), ich fürchtete die Monster im Flur.
Meine ganze Kindheit lang fürchte ich, einem Monster zu begegnen, noch heute habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, eines zu finden.

Tack

Mein Großvater war ein großer Mann. Geradezu ein Riese aus Kindheitsaugen. So war auch einer meiner sehnlichsten Kinderwünsche, einmal so groß zu werden, wie er war.
Nun, er ist vor 3 Jahren gestorben und meine Familie hat sich davon nie erholt. Und auch wenn ich fast so groß geworden bin wie er, bin ich doch ein anderer.
„Gott sei Dank“, würde er wohl sagen.
Einer meiner neunmalklugen Kindheitsweisheiten, die mir hintertragen wurden, war meine Vermutung, dass es sich bei älteren und größeren Menschen nicht um Erwachsene, sondern nur um Gewachsene handele.
Was soll ich sagen: Ich hatte recht. Doch wächst man nie linear nach oben, mein Wachstum änderte seine Richtungen, als meine Mutter mich nach Asien nahm.

Tick

Eine Zeitlang arbeitete meine Mutter in einem Buchladenkollektiv. Damals hatte ich noch nicht lesen gelernt und würde mir auch noch viel Zeit damit lassen. Es gab also wenig im Laden, dass mich interessierte. Glücklicherweise war da ein kleiner Aufzug, mit dem die ignoranten Buchhändler Bücher transportierten. Ich hielt das für eine typische Erwachsenenidee, denn jedes Kind konnte sehen, dass der Lift wie für mich gemacht war.
Glücklicherweise hatte ich Hilfe. Meine Tante, die ungefähr 14 Jahre alt war, war noch nicht zu verwachsen, um zu sehen, was da war. Die Arme war aber leider schon zu groß, um selbst fahren zu können, aber als Bodentechnikerin war sie bestens qualifiziert. Während ich, bewaffnet mit Keksen, meine Reise hinab ins Labyrinth der staubigen Bücher antrat, bedauerte ich meine Tante dafür, so schnell gewachsen zu sein. Aber im Umlegen des Schalters, der den Aufzug zum Mittelpunk der Erde in Bewegung setzte, erreichte sie wahre Meisterschaft.

Tack

Die Mutter meiner Erinnerung ist eine lockige und lächelnde Sonne über mir. Heute hat sie keine Locken mehr – die waren falsch – und sie ist kleiner als ich, aber das Lächeln ist immer noch echt.
In meiner Kindheit war meine Mutter ein nie versiegender Quell von Zuneigung und Eierkuchen. Auch züchtete sie wunderschöne Pilze in Einmachgläsern, die nur ich nicht essen durfte. Was ich als sehr ungerecht empfand, denn meine Mutter und ihre Freunde aßen diese Pilze mit ersichtlichem Vergnügen und hörten dann stundenlang Musik. Sie waren dann immer besonders freundlich zu mir, auch wenn das, was sie sagten, noch weniger Sinn gab als sonst. Aber die Sinnlosigkeiten der Großen ist man als Kleiner gewöhnt und alles, was man will, ist mitzumachen. Aber das durfte ich nicht.
Meine Mutter und ihre Freunde müssen ein recht munteres Völkchen gewesen sein, das mich unwillentlich davor bewahrte, ein Rastafari zu werden. Denn dank frühkindlicher Prägung erinnert mich Reggae und der Geruch von Dope bis heute an Apfelkuchen und Kindergeburtstag. Gegen beide Versuchungen war ich als Teenager – ein Alter, in dem man versucht Kindergeburtstage hinter sich zu lassen – gefeit. Dafür bin ich meiner Mutter dankbar. Allerdings üben alle Pilze bis heute eine Anziehungskraft auf mich aus, der ich gerne nachgebe.

Tick

Meine Kindheit bis zum Alter von 5 war gut, wenn auch nicht außergewöhnlich, was daran lag, das man als Kind alles gewöhnlich nimmt.

Tack

Dann fragte mich meine Mutter, ob ich mit nach Indien wolle. Mittwoch und Donnerstag waren dagegen, aber ich sagte ja.
Ich sagte ja und wusste nicht wozu, wusste nicht, was da kommen wird. (das war eine wichtige Lektion fürs Leben)
Wenn meine Kindheit bis dahin gewöhnlich ungewöhnlich war, so wurde mein Leben nun zum Wunder, manche diese Wunder konnte die Zeit nicht heilen. Und auch wenn mir viele sagten, dass meine erste asiatische Reise schlecht für mich gewesen wäre und auch wenn ich das selbst lange dachte, möchte ich kein langweiliges Leben dieser Welt gegen die Erinnerungen tauschen, die ich habe.
Ich war 5 Jahre alt und meine Mutter nahm mich mit auf die weite Flur.

Tick

Die Geschichte der Reise, die wir machten, die ich kenne, besagt, dass meine Mutter ursprünglich nur 3 Monate nach Indien wollte. Das war zu Zeiten damaliger Backpacker nur ein Blinzeln, ein kurzes Vorbeischauen, ein flüchtiger Händedruck.
Doch dann starb Jan. Jan war der Liebhaber meiner Mutter und er starb bei einen Autounfall in Kenia. Karl, einer der besten Freunde meiner Mutter, suchte und fand uns in Indien, um meiner Mutter die schlechten Nachrichten zu überbringen.
Das zeigt vielleicht, wie weit man weg war, wenn man damals wegging. Es war 1982. Telefone waren in Indien selten und Überseegespräche zu teuer für uns. Das Internet noch nicht erfunden und soziale Netzwerke bestanden aus Bier und Spucke.
Alles, was Karl kannte, war dank eine Postkarte meiner Mutter die ungefähre Region, in die es uns in Indien verschlagen hatte. Er fragte dann in den Hostels nach deutschen Locken und ihrem weißblonden Sohn.
Er fand uns.
Ich glaube manchmal, dass meine Mutter immer noch um Jan weint. Damals aber nahm sie mich noch fester an die Hand und beschloss, dass sie vorerst nicht nach Deutschland zurück wollte.
Wir blieben 2 Jahre in Asien, und mein Leben begann.

Tack

Die Monster, die ich im Flur fürchtete und suchte, fand ich in Indien. Ich meine nicht die Elefanten. Die bunt angemalten indischen Elefanten liebte ich. Tatsächlich war ich sehr enttäuscht, als ich am Flughafen Delhi nicht von Elefanten begrüßt wurde und machte meine Mutter auch sofort – schmollend – auf deren unverzeihliche Abwesenheit aufmerksam.
Ich meine auch nicht die Affen. Affen sind zwar Mistviecher, doch wurden sie zur Gottheit meiner Wahl. Von Affen werde ich später sprechen.
Die Monster, die ich meine, die Monster die mir Angst machten, waren Kühe.
Lacht da wer?
Indische Kühe sind keine Lila Milka-Milchkühe, sondern Tiere die nie domestiziert wurden, die machen können, was ihnen gefällt; sie sind größer, buckeliger, stinkiger und insgesamt kuhiger als Schokoladenkühe!
Ich kann euer Grinsen sehen!
Vom Boden aus gesehen, aus der Perspektive eines 5jährigen gesehen, ist eine Kuh groß wie der Drache Fafnir. Doch ich war kein Siegfried und wollte auch nicht in irgendeiner Körperflüssigkeit meiner Kuhdrachen baden.
Auch wenn ich dazu reichlich Gelegenheit hatte. Indische Kühe scheißen Haufen, hinter denen sich 5jährige verstecken können. Indische Kühe sabbern so sehr, dass sich Klein-Siegfried einen Regenschirm wünschte. Indische Kühe achten nicht darauf, wo sie hinpissen und wenn da, wo sie hinpissen, schon jemand steht, hat jemand Pech gehabt. Für einen 5jährigen hat solch ein Urinstrahl ungefähr die Qualität des Monsuns.
Ja, es waren nur Kühe, aber Tiere, in deren Urin du ertrinken kannst, haben deinen Respekt und sind alles, was sich ein Kind unter Monstern vorstellen kann, sie übertrafen gar alle Flurbewohner, von denen ich fantasierte, bevor ich nach Indien ging.

Tick

Indien – oder besser – die Inder waren mir von Anfang an sehr zugewandt. Oft wandten sich mir so viele Inder gleichzeitig zu, dass ich nur noch Inder und kaum noch Indien sah. Sei’s drum, ein Land, das sind die Menschen und die meisten Zugewandten, freuten sich ersichtlich mich zu sehen. Sie freuten sich so sehr, dass sie mir übers Haar strichen, was mich und meine Geduld belastete.
Nicht ganz unschuldig daran, war sicherlich mein damals noch weißblondes Haar. So was sah man damals nicht oft in diesen Breiten.
Damals war ich süs und die meisten Inder begrüßten mich mit einen höflichen, „Hello Baby!“
Worauf ich weniger höflich schrie: „NO BABY, BOY!“
Was soll ich sagen, ich war noch nicht alt genug, um süß sein zu wollen.
Das war – glaube ich – mein erster englischer Satz und er blieb lange sehr einsam. Ich lernte kaum Englisch auf meiner Reise und sperrte mich zu erfolgreich auch später oft dagegen, Dinge zu lernen, die ich nicht lernen wollte.

Tack

Meine erste Zeit in Asien verbrachte ich an der Hand meiner Mutter. Sie hatte Angst um mich und ich hatte Angst vor Indien: wir waren unzertrennlich.
Dass ich mich in der Hand meiner Mutter versteckte, soll nicht heißen, dass es mir schlecht ging in Indien.
Indien ist überwältigend und hat schon viele gewachsene Persönlichkeiten überwältigt.
Indien ist kein Land für laue Tage. Es ist nicht bunt, sondern grell, hier stinken die Blumen nach Scheiße und die Scheiße riecht nach Rosenwasser. Indien ist eine Sinnesexplosion, in der viele einen Sinn suchen.
Die Eindringlichkeit und Tiefe der indischen Eindrücke würden manche mit LSD vergleichen, doch was weiß ein 5jähriger von LSD?
Wie soll ich beschreiben, was mein 5jähriger dachte, als er in Indien war?
Nun, neben mir ging meine Mutter und ich ergriff eilig ihre Hand, um mich zu schützen, doch die Augen schließen, wollte ich nicht. Ich hielt ihre Hand und und sog alles auf, bis es mein Hirn auszog und auf meiner Fantasie spielte wie auf einem Instrument.
Ich sah den Müll und die Blumen, die Armut und die Farben, das Gedränge und das Lächeln …

Tick

Abgesehen davon, dass es am Flughafen an Elefanten mangelte, beginnen meine Erinnerungen an Indien in Goa.
Goa ist…
Goa ist einer der magischen Orte, deren Klang Bilder und Ideale beschwören. Portugiesisches Erbe, weiße Strände, blaues Meer, Vollmondpartys, Sex im Mondlicht, LSD, Freiheit, Ausbruch, TUI, Strandresorts, Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung, Massentourismus, Englisches Frühstück unter Palmen, Prostitution, Hippies, Kopfschmerztabletten, schöne Menschen am Strand, Sex, Drogen, Beschaffungskriminalität und so vieles mehr.
An nichts davon denke ich, wenn ich mich an Goa erinnere.
Meine erste Erinnerung ist die Rote Erde. Wir hatten eine kleine Hütte gemietet, in etwas, dass mir im Nebel, der meine Bilder umschließt, wie ein kleines Dorf erschien. An das Innere unseres Zimmers erinnere ich mich nicht, aber ich weiß, dass alle Erde um das Dorf rot war, dass da ein Weg war, am dessen Ende ein kleiner Gemischtwarenladen wartete, zu dem meine Mutter mich oft schickte. Ich weiß, dass ich ich diesen Weg oft entlang rannte, dass ich oft fiel, so dass meine Knie so blutig und rot wurden wie die Erde Goas.
Ich erinnere mich an eine indisch bunte Torte, die meine Mutter für unsere Gastfamilie kaufte. Ich erinnere mich daran, neben meiner Mutter herzulaufen. Ich weiß, wie ungeduldig ich war, dass ich nicht warten konnte, die Torte in einem Bissen zu verschlingen. Doch ich wurde enttäuscht. Unsere Gastgeber erwiesen sich als noch disziplinierter als Anna. Es dauerte Wochen, bis wir die Torte aufgegessen haben und die Stücke, in denen sie verteilt wurden, erscheinen mir eher wie Abstriche.
Dann waren da die Klos (es waren keine Toiletten).
Es kann keine Indiengeschichte geben, in denen nicht von Klos gesprochen wird, das ist ein narratives Gesetz und zwingender als die Schwerkraft auf Plumskos.
Mir sollten in Indien einige Klos begegnen, die ich nie vergessen werde. Doch dieses erste, an das ich mich erinnere, war das beste. Dieses Klo, war nach indischem Standard nicht mal dreckig, es war ein simples hölzernes Plumsdings zum Hocken. Doch war es über dem Stall erbaut, in dem Schweine lebten. Jeder Stuhlgang war zugleich Fütterungszeit. Wenn man seinen Arsch oben übers Loch beugte, kamen einem einen halben Meter tiefe erwartungsvolle rosa Schweineschnauzen entgegen.
Manchmal wurde im Dorf Schweinefleisch serviert und ich bekam meine erste einfache Lektion und lernte, was ein ökologisches System ist.
Doch meine schärfste Erinnerung ist das Geschrei der schwarzen Krähen Goas: schwarze Krähen, die über die Rote Erde flogen und sich um die Palmen versammelten.
„Karl, Karl, Karl“, schrien die Krähen und kündigten so einen Besuch an, der schlechte Nachrichten brachte.

Tack

Dem Leser der Tick und Tack zusammenzählen kann, wird nicht entgangen sein, dass ich immer wieder aufs Essen komme. Das lag weder daran, dass es zu wenig essen gab, obwohl ich immer der Meinung war, es hätte mehr sein können, noch war es so, dass ich ungebührlich viel aß, auch wenn meine Mutter das vielleicht anders sah, aber Essen bedeutete schon immer Glück für mich.
Meine Mutter erzählte mir oft, dass man mich, während andere Kinder ruhelos schrien, nur zu füttern brauchte und schon schlief ich lächelnd ein.
Die meisten meiner Freundinnen und Freunde meinen, dass ich mich nie geändert habe.
Das halte ich für ungerecht, denn immerhin habe ich gelernt, mir mein Essen selbst zuzubereiten, auch wenn der einfachste Weg, meine Liebe zu gewinnen, immer noch der ist, mir das Frühstück ans Bett zu bringen.
Die indische Küche war, ganz egal wo ich sie serviert bekam, eine schwere Prüfung für mich. Denn das indische Essen war zu scharf. Es gab Tränen: ich spuckte im besonderen Feuer und im allgemeinen alles aus, was ich im Mund hatte.
Hauptsächlich aß ich damals Joghurt und Obst, was der Diät ganz ähnlich ist, die sich meine Mutter im Alter angewöhnt hat.
Aber ich war ein Kämpfer!
Bei jeder Mahlzeit, schwenkte ich meinen Chapati mutig ein paar Zentimeter über dem Essen, wobei ich peinlich darauf bedacht war, dass die Teile des Brotes, die ich essen wollte, nicht die feurigen Soßen berührte.
Dann machte ich meine Mutter auf meine Bemühungen aufmerksam.
„Petra, Petra“, sagte ich, „schau mal, ich kann scharf essen!“
und verspeiste mein Chapati pur.
Als uns Petras Freund Paul auf unserer langen Reise besuchte, fragte ich ihn, ob er mich mit zurücknehmen könne nach Deutschland.
Paul fragte, warum.
Ich antwortete, „wegen der Schokolade“.
„Nur wegen der Schokolade?“, hakte Paul nach.
„Nein“, sagte ich, „auch wegen der Salami“
Der Twist ist, dass ich später kochen lernte, weil ich das scharfe asiatische Essen vermisste. Was zeigt, dass es einem niemand recht machen kann, außer man macht es selbst.

Tick

Eine der Macken, die ich geerbt habe, ist, dass ich nicht in Hotels übernachten will. Nein, es muss ein Hostel sein. In Backpacker Unterkünften fühlte ich mich lange heimeliger als in meiner Wohnung. Und auch wenn ich mich heute fast damit abgefunden habe, viele Tage des Jahres zu wohnen und nicht zu reisen, fühle ich mich, wenn ich ins richtige Hostel komme, gut.
Gut ist ein kleines Wort. Doch gibt es kein passenderes. Ich fühle kein pathetisches Glück in Hostels. Ich fühle mich dort einfach gut, so wie man sich gut fühlt, wenn man mit Freunden beisammen ist, ohne viel zu reden oder woanders sein zu wollen. Wenn Faust nicht Faust wäre, wäre er verweilt.
Was is’n Hostel? Stellen wir uns mal ganz dumm und sagen ein Hostel ist ein großes vieleckiges Haus mit vielen Zimmern, dass zwei Zugänge hat. Einen Eingang unten, durch den wir jetzt hinein kommen und einen Ausgang oben, um den wir uns später kümmern.
Unten erwartet den Reisenden meist eine … Rezeption: Soweit so Hotelig. Aber diese Rezeption ist schäbiger und einfacher als in einem Hotel. Sie ist nicht wie im langweiligen Hilton oder im einschläfernden Kempinski eine Statuserklärung, die sagt: „willkommen geldwerter Gast, dies ist das (Hotelname/Stadtname), achten sie auf Glitter und Concierge, denn für diese werden sie bezahlen“.
Die Rezeption in einem Hostel ist oft zugleich Hostelbar, manchmal nur ein dreckiger Tisch, hin und wieder ein Opa im Schaukelstuhl und in einem erinnerungswürdigen Fall eine alte Dame mit Affenbabys und Babypanther.
Hinter der und um die „Rezeption“ herum entfaltet sich ein Aufenthaltsraum, der auch zugleich Waschküche und Wohnzimmer der Besitzer sein mag. Hier kann man Kontakte zu fremden Reisenden knüpfen und diese, so man das für gut hält, zu Mitreisenden machen.
Hostelhäuser sind nie Häuser, die als Hotel gedacht und gebaut wurden. Hostels sind Zwischennutzung eines beliebigen Hauses auf seinem Weg der Improvisationen. Oft weist nur ein ein schäbiges Schild oder ein schreiender Enkelsohn daraufhin, das im 3. Stock Zimmer vermietet werden.
Dementsprechend geht es weiter jenseits des Aufenthaltsraumes. Oft wurden mehrere Wohnungen, vieler aneinandergrenzender Häuser durch das Einreißen der dazwischenliegenden Mauern zu einem Hostel gemacht. Dementsprechend verlassen die Aufenthaltsräume ein Labyrinth von Fluren, die zu lärmigen Schlafsälen und versteckten Einzelzimmern führen. Wenn man also das Hostel seiner Wahl bezogen hat, ist oft erste Aufgabe, wieder herauszufinden, bevor man die Stadt erkunden kann.
Das Hostel ist das Zentrum der Reise und das Zentrum des Hostels liegt oben, hinter dem Ausgang, um den wir uns jetzt endlich kümmern.
Wenn man bei der Wahl seines Hostels alles richtig gemacht hat, findet man hinter verzweigten Fluren und verwinkelten Treppen den letzten Ausgang, der zur Dachterrasse führt. Hier versammeln sich die Reisenden und die Belegschaft. Wer zu faul ist, das Hotel zu verlassen, kann hier essen. Zum Sonnenuntergang bekommt man Bier und zum Aufgang Kaffee. Es ist ein guter Ort, um Freunde zu finden, sich zu verlieben oder – so man nicht nur unterwegs ist, um sich selbst zu feiern – mit den Einheimischen zu sprechen. Auch in der guten alten Zeit, von der ich spreche, waren die wenigsten Backpacker, obwohl sie sich als linksalternative Traveller zum Massentourismus verstanden, interessiert, an den Menschen des Landes, das sie durchreisten. Auch damals waren Sätze wie „Indien wäre schöner, wenn es keine Inder gäbe“ zu oft zu hören. Oft wurde angehängt, dass es eh unmöglich wäre, mit Indern zu sprechen, da diese nur versuchten, einem das Geld aus der Tasche zu quatschen.
Dabei ist es einfach, mit dem indischen Hinz und Kunz Kontakt zu finden, man muss einfach nur sitzen bleiben und die Menschen, bei denen man Bier und Kaffee bestellt, nicht wie Sklaven behandeln.
Ein trauriger Moment meines Lebens war, als ich verstand, dass diese Hostels, die ich liebe, langsam aussterben.
Natürlich. Wenn man durch Asien reist, findet man immer noch überall Hotels die sich Hostel nennen. Aber sie sind genau das geworden: ein Name, eine Marke. Wer Backpacker ist: Reisender, kein Tourist, der trägt Flipflops und schläft im Hostel. Nun sind diese Markenhostels oft teurer als Hotels und bei aller Liebe zum Provisorium, die ich gestand, war der Preis auch immer ein guter Grund zum Hostel. Aber schlimmer ist noch, dass diese Hostels gar nicht mehr von Einheimischen improvisiert sind, sondern aus dem Katalog bestellt erscheinen. Sie versuchen besonders zu sein, gehen aber im ihrem Verlangen nach Einzigartigkeit unter wie ein Hipster in Berlin. Die Individualität scheint hier vom Fließband zu kommen, das Lebensgefühl ist Ware und sogar dem Aufenthaltsraum ist anzusehen, wie gern er eine Lobby wäre. Auf der Dachterrasse serviert man Kaffee Macchiato mit Sojamilch und vegane Snacks: McHostel.
Hier zeigt sich deutlich, dass die Backpacker nie Alternative zum, sondern immer Speerspitze des Massentourismus waren.
Entschuldigt. Aber als Mensch, der älter wird, muss man manchmal so reden, um zu verdauen, dass älter werden nicht heißt, sich zu verändern, sondern gleich zu bleiben, während die Welt sich verändert.
Was machte aber der kleine weiße Affe damals in Asien in den Hostels. Warum liebe ich die Dinger so?
Lass mich erzählen …

Tack

Ich muss nun Indien verlassen, denn auf der langen Reise, waren wir nicht nur dort. Als kleiner Spoiler sei verraten, dass in den folgenden Zeilen blaue Schlümpfe und Zahnstocher wichtig werden.
Aber zunächst gehen wir nach Thailand an die Strände Koh Samuis. Davon abgesehen, dass die Insel mich so verwöhnte, dass ich Strände, die nicht ihr Postkarten-Panorama-Idyll erreichen, ablehne, davon abgesehen, dass ich dort ein paar der schönsten Monate meines Lebens verbrachte, wurde ich auf dieser Insel zum Nerd.
Aber vor meiner Nerdwerdung, müssen wir über das Jahr 1981 sprechen. Koh Samui war noch nicht berühmt, Koh Samui war keine Tui-Insel voller All-Inklusive-Resorts, in denen Büroarbeiter und Schichtmenschen sich für ihre 3 Wochen im Jahr ein Leben kaufen können.
Wir hatten uns eine Hütte gemietet direkt am weißen Strand, direkt an den sanften Wellen. In der Hütte gab es eigentlich nichts, keinen Luxus. Und um die Hütte gab es nichts als Palmen und Strand. Die nächste Hütte war 20 Kindermeter entfernt. Der Strand war mein Strand. Ich schwamm und spielte im Wasser mit Kokosnüssen. Wenn ich mich still ins flache Wasser setzte, kamen kleine Fische und schwammen um mich herum. Im Restaurant gab es Schokoladenkuchen und Bananapancake, die erstaunlicherweise ohne Chilis zubereitet wurden. Nach dem Staub der Reise war ich im Paradies gelandet: ich war glücklich.
Eines Tages fanden wir in einem Regal am Strand ein Buch. Es hatte einen grünen Umschlag, auf dem eine Schlange und ein Auge abgebildet waren. Die Gefährten. Der erste Band der Trilogie „Der Herr der Ringe“. Als ich verstand, dass „Der Herr der Ringe“ eine Fortsetzung des „Hobbits“ war, kannte meine Freude keine Grenzen.
Bilbo Beutlin war mein Idol, denn auch er war auf einer Reise, auf der alles groß und unverständlich war.
Als meine Mutter mir den Satz: “Als Herr Bilbo Beutlin von Beutelsend ankündigte, dass er demnächst zur Feier seines einundelfzigsten Geburtstages ein besonders prächtiges Fest geben wolle, war des Geredes und der Aufregung in Hobbingen kein Ende.” vorlas, hatte ich auf der Reise eine Heimat gefunden, die ich auch nicht verließ, nachdem meine Mutter mich wieder nach Hause gebracht hatte.
Dies geschah zum Leid meiner Mutter, die mir diesen Satz und alle folgenden für die nächsten Jahre immer wieder und wieder vorlesen musste und weder an noch in ihnen etwas finden konnte.
Der Herr der Ringe veränderte mich, auch wenn mir Bilbo immer näher stand als Frodo.
Doch was hat dies mit Dachterrassen zu schaffen? Wo kommen Schlümpfe und Zahnstocher ins Spiel?
Geduld…

Tick

Einen Großteil der Reise, die meinem ganzen Leben eine Richtung geben sollte, verbrachte ich nicht an Stränden, was ein Glück war, sondern an der Hand meiner Mutter auf staubigen Straßen. Oft führten diese Straßen uns in hinduistische Tempel. Ich war und wurde zwar bis heute nie religiös, aber diese Tempel gehören zu dem Spannendsten, was diese Welt zu bieten hat.
Ich liebe es bis heute, einen solchen Tempel zu betreten, denn am Eingang muss man seine Schuhe ausziehen, so dass das Betreten, der Moment, in dem ich meinen nackten Fuß auf den kühlen Stein des Tempels setze, die Ouvertüre des Erlebnisses Tempel für mich ist. Was dann folgt sind die Gerüche: Raucherstäbchen, Körper, Früchte, Haaröl. Süße und Strenge. Kühle und Hitze.
Die Statuen der Gottheiten in den Tempelnischen und ihre Reliefs an den Wänden erzählten mir Geschichten, die meine kindliche Neugier anfachten: sie brennt bis heute.
Wieder musste meine Mutter leiden. All die 10002 Geschichten Indiens, die Bhagavadghita usw., jeden Hanumanstreich gibt es als Comic. Da ich nicht lesen konnte und es auch nicht lernen wollte, musste meine Mutter mir all die Comics, die ich finden konnte, vorlesen. So kannte ich die indische Mythologie gut, bevor ich erfuhr, wer Jesus sein solle. Meine Mutter kaufte auch einen Comic, der das neue Testament erzählte, aber Jesus langweilte mich und ausgestelltes Leiden langweilt mich immer noch.
Die Mythen und Figuren des Hinduismus hingegen haben einen Platz in meiner Fantasie eingenommen, der ein Teil meiner selbst geworden ist. Noch einmal: Das hat nichts religiöses. Ich unterscheide nicht zwischen Bilbo Beutlin und Shiva.
Und hier verbinden sich die Fäden.

Tack

Wir waren Backpacker. Wie Schnecken, das Haus geschultert, reisten wir langsam durch Asien. Natürlich hatte ich auch mein Päckchen zu tragen: in meinem Rucksack war allerdings nicht viel. Da waren die Bücher, die meine Mutter mir vorlas: Bhagavadgita, Mahabarata und Ramayana als Comics, der Hobbit und der Herr der Ringe.
Ich bestellte mir meine Geschichten am Abend kapitelweise, nachdem wir einmal durch waren. (Heute Abend bitte „die Wolken sammeln sich“)
Außerdem trug ich im Rucksack mit mir herum: meine Schlumpffigurensammlung und ein paar hinduistische Statuen.
Die Welt eines Kindes besteht aus der Welt außerhalb seines Kopfes und der Welt innerhalb seines Kopfes. Beide sind auf engste verzahnt und bilden in Balance die Welt, in der man lebt. Zumindest für mich, war die äußere Welt faszinierend und erschreckend zugleich, wohingegen mein inneres Versteck und Aussichtsturm war.
Bei vielen Erwachsenen, stellt sich die Situation anders dar, denn die äußere Welt spielt für sie keine Rolle mehr. Zu stark sind die Bilder, die sie innerlich gemalt haben und die sie nun wie ein – Brett vorm Kopp – mit sich herumtragen.
Ich war damals immer noch damit beschäftigt, meine Bilder zu malen und tat das im Spiel. Hier kam alles zusammen. Shiva duellierte Morgoth, Hanuman strich zusammen mit Aragorn durch Mittelerde und Gandalf traf Rama auf eine Pfeife.
Oft blieb ich, wenn mir Indien zu staubig und seine Kühe zu groß schienen, allein im Hostel und spielte mit Schlümpfen und Götterstatuen meine eigenen Mythologin hervor. Der große Schlumpf war der Gandalfschlumpf aber Shiva blieb Shiva, auch wenn er tanzte. Den fetten Buddha wusste ich nie ganz einzubinden, ich befürchte, ich habe ihn gemobbt.
Wenn wir unterwegs waren und ich hatte weder Schlümpfe noch Statuen dabei, wenn wir z.B. in einem Restaurant waren, spielte ich meine Epen mit Zahnstochern nach.
Oft ging ich auch, während meine Mutter Indien entdeckte, auf die Dachterrasse. Dort suchte ich nach Deutschen, denn mein Englisch war immer noch sehR schlecht – „NO MADAME, BOY!“
Also musste ich zuerst lauschen. Wenn ich meinte, Deutsche gefunden zu haben, überprüfte ich zunächst meine Vermutung – „sprecht ihr Deutsch?“
Wenn ja, übernahm ich das Gespräch.
Was ist das:
„Etwas, das alles und jeden verschlingt:
Baum, der rauscht, Vogel, der singt,
frisst Eisen, zermalmt den härtesten Stein,
zerbeißt jedes Schwert, zerbricht jeden Schrein,
Schlägt Könige nieder, schleift ihren Palast,
trägt mächtigen Fels fort als leicht Last.“

fragte ich.
Ich konnte viele Gedichte und Rätsel aus dem Hobbit und dem Herrn der Ringe auswendig. Ich erinnere mich aber nicht an offene Münder der Verwunderung. Mir erschienen solche Gespräche als ganz normal. Das man als 6jähriger auf Dachterrassen keine Gedichte rezitieren sollte, hatte mir niemand gesagt.
Jedenfalls sicherte ich mir oft mittels Rezitationen ein Publikum. Wenn mir dann die Gedichte ausgingen, mein Publikum aber blieb, wendeten wir uns ernsthaften Backpacker-Themen zu. Auch hier übernahm ich die Führung.
Ich frage, „Wart ihr schon in Varanasi?“
… wenn nein …
„Da müsst ihr unbedingt hin!“
Ich gab auch spezifische Tipps.
„Das Hostel Shiva Lounge ist sehr gut, die haben Bananapancake!“
Ich glaube ein paar Traveler schrieben mit, wenn ich sprach.
Ich war 6 Jahre und war auf der Reise zuhause. Und heute noch ist es wie nach Hause kommen, wenn ich ein echtes Hostel betrete. Die gentrifizierten McHostels der 3-Wochen-Weltreisenden verachte ich aber wie ein Veganer das McMeal.

Tick

Einmal stiegen wir in Indonesien aus dem Dschungel auf einen Vulkan. An den Weg herauf kann ich mich nicht erinnern. Oben gab es ein paar schweflig gelbe Felsen und Rauch. Es stank, ich war enttäuscht. Ich hatte mich auf Lavafälle gefreut. Trotzdem schien es mir kein schlechter Tag zu sein: weder nannte mich einer Madame, noch versuchte ein anderer, meine Haare anzufassen, auch sollte ich nichts scharfes essen und Kühe gab es auch keine.
Eigentlich habe ich auch an den Vulkangipfel wenig Erinnerungen.
Eigentlich hätte ich diesen Tag vergessen.
Dann begann es zu regnen.
Nein, denk nicht an Regen, denk an Wasserfälle – zum Glück waren sie nicht aus Lava.
So ein Gipfel ist ein schlechter Platz, wenn vom Himmel Wasser fällt.
Also steigen wir ab. Nun ja, wollten wir.
So ein kleiner Dschungelpfad ist nämlich auch kein besser Ort. Bald schon war auch unser Weg ein Bach. Wir gingen nicht, wir rutschten. Alles war Bach und nass und wir waren nass und im Fluss.
Denk dir eine Mischung aus Schlammschlacht und Schlittenfahrt ohne Schlitten und du hast es.
Was soll ich sagen, wir kamen unten an. Wir hatten da keine Wahl, nach oben wäre es wirklich nicht gegangen, Wasser fließt bergab.
Unten gab es eine Holzhütte. Wahrscheinlich waren da viele Holzhütten, aber die waren mir nicht wichtig, also erinnere ich mich nur an eine Hütte, in der gab es nämlich Nudelsuppe.
Diese Nudelsuppe war die beste Nudelsuppe meines Lebens: quasi meine Ursuppe.
Noch heute will ich immer, wenn es regnet, eine asiatische Nudelsuppe.

Tack

Dann war da Dharamkot. Oder wir kamen nach Dharamkot. Dharamkot war damals ein kleines Dorf im Himalaya in Fußweite oberhalb des nicht viel größeren Dorfes McLeod Ganj gelegen. Wer nichts über McLeod Ganj weiß, der kann sich ein Räucherstäbchen anzünden: McLeod Ganj liegt bei Dharamsala.
Da wohnt der Dalai Lama, wenn er nicht gerade auf Merchandising Tour ist.
Die ganze Gegend ist berühmt, für eine spektakuläre Aussicht, tibetische Maultaschen – ich schaffe kein Tick oder Tack ohne übers essen zu schreiben – und die Möglichkeit, erleuchtet zu werden. Dementsprechend finden sich und findet man dort jede Menge Sinnsucher, aber erstaunlicherweise wenig Gourmets, denn Momos – die tibetischen Maultaschen – sind die Reise wert, wohingegen ich jedem der erleuchtet werden will, empfehlen würde, zuhause das Licht anzumachen*. So spart er sein Geld, steht mir nicht in der Aussicht und stört die nicht, die wegen des Landes in das Land gefahren sind. .
Wir kamen, als wir das erstemal kamen, weder wegen der Momos noch des Dalai Lamas, sondern weil der Himalaya da ist, und meine Mutter ihn sehen wollte.
Heute kann man bis Dharamkot mit einem Bus fahren, aber damals mussten wir von McLeod Ganj aus laufen.
Ich kann mich nicht erinnern, wie wir in Dharamkot ankamen, doch wenn ich sterben müsste, um wiedergeboren zu werden und ich dürfte nur 10 Erinnerungen mitnehmen, Dharamkot wäre dabei.
Wir wohnten im Dharamkot in einem Bauernhaus, dort gab es damals keine Touristen, keine Hotels, keine Restaurants, keinen Strom und kein fließendes Wasser. Wir hatten bei einer indischen Familie, das Obergeschoss bezogen. Ein großer Raum war das mit Feuerstelle und soviel Luxus, wie man braucht, wenn man keinen braucht. Erreichen konnte man unser Obergeschoss nur über eine Außentreppe, die auf einer Miniterrasse – gerade groß genug für eine Mutter und ihren Sohn – Pause machte, bevor sie ins Haus führte.
Von der Terrasse herab konnte man aus den Himalaya hinaus in die indische Ebene schauen. Osten lag links, da ging die Sonne auf, Westen lag rechts, da ging die Sonne unter. Wer wollte, konnte dort den ganzen Tag sitzen und der Sonne dabei zusehen, wie sie auf die indischen Ebene mit Schatten spielte.
Unten an der Treppe angebunden, lebte eine Ziege. Diese Ziege war zwar kleiner als die mickrigste Kuh, aber sie ignorierte mich nie, so wie es alle Kühe taten, die mich eher versehentlich anpissten. Jedes Mal, wenn ich nach unten ging, griff sie mich an und rammte mir, wenn ich nicht schnell genug war, ihren Kopf so in meine Seite, dass ich in ihrer Scheiße landete. Deshalb rannte ich immer nach unten, um aus dem Leinenradius der Ziege zu kommen. Es gelang mir zwar nicht immer, aber unser tägliches Spiel, das ich hasste, erfreute das ganze Dorf: an ihr Lachen habe ich mich nie gewöhnt.
Am ersten Tag – und auch an allen folgenden – musste ich aufs Klo. Das stellte mich insofern vor ein Problem, dass es kein Klo gab: nicht im Haus und auch nicht ums Haus. Irgendwie schaffte irgendwer zu verstehen, was mein Problem war und die Dorfjugend brachte mich zu einem kleinem Acker ein paar Meter höher, auf den sich die Hausgemeinschaft, zu der wir jetzt gehörten, geeinigt hatte, wenn es ans scheißen ging.
Also schiß ich ins freie und alles was auf zwei Beinen ging und gerade nichts zu tun hatte, schaute mir interessiert zu. Wahrscheinlich wollten sie wissen, ob weiße Affen, weiße Haufen legten.
Wenn wir kochen wollten, mussten wir Feuer machen und dazu Holz sammeln. Als meine Mutter das erste mal mit mir Holz sammeln ging, gab sie sich Mühe, soviel Holz zu nehmen, wie sie nur tragen konnte – das war nicht viel. Ich hingegen trottelte träumend hinter ihr her und hob hier und da auf Aufforderung hin ein Zweigchen auf. Als wir nach Hause kamen, hatte meine Mutter wenig und ich gar kein Holz dabei: sie war böse auf mich.
Das Dorf half. Kurze Zeit später hatte ein kleiner Junge, der kleiner war als ich, einen großem Ballen Holz, der größer war als ich, für uns gesammelt und geflochten. Meine Mutter war dankbar und ich hatte Angst, ausgetauscht zu werden.
Ich fürchte, dass ich nie ein guter Holzsammler werde, aber dafür träume ich immer noch.
Meine Mutter genoss es, zur Abwechslung selbst kochen zu können. Allerdings brauchten wir dazu noch Wasser. Das wurde zu meiner Aufgabe und so ging ich oft zur nächsten Quelle, Wasser zu holen. Ich machte das sogar gern, denn jedes mal trank** ich einen großen Schluck Quellwasser, wer noch nie Bergquellwasser getrunken hat, der kann nicht wissen, wovon ich spreche.
Wenn wir also Holz und Wasser hatten, kochte meine Mutter und ich saß neben ihr und starrte ins Feuer und konnte vom Himalaya durchs Feuer nach Mittelerde sehen: ich erfand Geschichten und war glücklich, denn es gab bald was zu essen.
Oft machte meine Mutter mir aus Kakaopulver und Butter Nutella, ich war so dankbar, wie es nur ein nutellawehkranker Wohlstandsjunge sein kann.
Um unsere Wäsche zu waschen, mussten wir zu einem Wasserfall laufen. Das brauchte so eine halbe Stunde einen Brennnessel gesäumten Pfad entlang. Ich war mir sicher, dass die Brennnesseln mich so wenig mochten wie die Ziege und mit ihren Zweigen nach mir nesselten, bis ich in Flammen stand. Aber trotzdem war der Weg sehr schön. Nach den Nesseln ging es dann am Grund einer steilen Schlucht weiter und da war er. Zugegeben er war nicht der größte, tiefste, donnerndste Wasserfall, den sich ein Phantasieunbegabter vorstellen kann, aber dieser Wasserfall wird für mich immer der Wasserfall bleiben, in dessen kleinem Teich ich schwamm, während meine Mutter wusch und an dessen Ufern ich die Wäsche trocknete, indem ich sie auf indische Art gegen Felsen schlug: ich stellte mir dabei vor, ich kämpfte gegen Trolle.
In Dharamkot hackte ich mir auch eine Axt*** in den Fuß und fand einen indischen Freund.
Mein Angriff auf meinen Fuß entsprang wahrscheinlich dem Wunsch, besser Holz zu sammeln als das Dorf. Also versuchte ich Holz zu hacken. Genauer gesagt versuchte ich, ein großes Wurzelstück mit einer Sichel entzwei zu schlagen. Die Wahrheit ist, dass ich nicht mehr weiß, warum ich versuchte, was ich versuchte. Ich weiß noch, dass ich mit der Sichel in der Hand vor der Wurzel saß und dass die Sichel als nächstes in meinen Bein steckte. Ich habe keine Ahnung, wie ich das gemacht habe, aber die Narbe kann man bis heute sehen.
Mein indischer Freund hieß Subash und er muss ungefähr in meinem Alter gewesen sein. Sein Vater war bei einem Unfall gestorben und er war im Dorf der Außenseiter, doch wir waren Freunde. Erst jetzt merke ich, dass ich nicht mehr weiß, was wir spielten. Meine Mutter meint, das läge daran, dass Subhasch gar nicht wusste, wie man spielt. Aber das war egal, ich werde ihn nie vergessen, auch wenn ich mich kaum an ihn erinnern kann.
Wie blieben insgesamt 3 Monate in Dharamkot und kamen ein halbes Jahr später noch mal wieder. Subhasch traf ich noch einmal als ich fast 30 war, aber das ist ein anderes „Tick … Tack“.

* Wahrscheinlich kann nur der Erleuchtung finden, der akzeptiert, dass es keine Erleuchtung gibt.
** Dabei fiel ich einmal in die Quelle: das Dorf lachte.
*** eigentlich war es eine Sichel.

Tick

In Asien sah ich noch viel, wovon ich noch heute träume, nicht umsonst macht es mich heute noch glücklich wie ein kleines Kind, in China spazieren zugehen.

Aber damals gingen wir zurück nach Berlin und das bekam mir nicht. Aber über das

Tick

meiner Schulzeit und das

Tack

der Pubertät

schreibe ich später.

TickeTackeTickeTacke Kallekacke

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