Tick Tack Ting Ting?

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Vor kurzer Zeit war ich wieder mal in Changsha. Die Stadt lässt mich nicht los, was banal ist, da meine Freundin dort lebt.
Ich schrieb hier, dass ich vor Changshas Lärm und Staub floh.
Nun kam ich mit meinem Herren und weißen Affen im Gepäck also zurück. Das hatte nichts mit Lust zu tun, aber alles damit, dass mir die Gründe ausgingen, warum Ting Ting mich besuchen solle und ich nicht zu ihr kommen könnte, aber ein wenig freute ich mich auf die Chilis.
Dass ich von Nanjing nach Changsha flog, machte die Sache nicht besser, denn so gern ich Zug fahre, so sehr hasse ich Flugzeuge. Herr Buchholz versuchte im Flugzeug zu schlafen, der weiße Affe aber schmollte, weil er nicht am Fenster saß. Zwischen den Beiden eingequetscht, misslang mir beides.
So war ich, da ich im Flug weder schmollen noch schlafen konnte, in Changsha sehr zerknautscht.
Erstaunlicherweise besserte sich meine Laune sofort, als ich Changsha roch. Der Affe tanzte, der Herr zupfte seine Krawatte zurecht und ich freute mich.
Changsha! Ich war zurück in meiner ersten Stadt in China, zurück auf meiner ersten Station einer Reise, die vor 2 Jahren begann und noch nicht beendet habe.
Im Expressbus in die Stadt drückten wir unsere Nasen an die Fensterscheibe, um zu sehen, woran wir uns erinnerten aus der Zeit, als wir vor 2 Jahren das erste mal diese Strecke fuhren. Was sehr dumm war, da es dunkel war und es auch im Licht wenig zu sehen gibt entlang dieser Straße.
Zwei…, nein zweieinhalb Jahre können eine lange Zeit sein, dachte ich derweil. Jedenfalls habe ich das Gefühl, mich verändert zu haben in dieser Zeit. Zwar ist Veränderung eine Konstante, doch denke ich, dass die Kräfte der Reise so an dem Reisendem zerren, dass er sich schneller ändern muss, um mit sich Schritt zu halten.
Jedenfalls versuchte ich mich während der Fahrt in die Stadt daran zu erinnern, wer ich damals war und fühlte mich dabei, als dächte ich an einen vertrauten Fremden.
Die folgenden Tage mit Ting Ting waren schön, was nicht überraschte, was aber überraschte, war, dass mir auch Changsha wieder gut gefiel, so gut sogar, dass ich mich über mich selbst ärgerte.
Als ich die Lushan Lu herunterlief, wurde ich so glücklich, dass ich hätte weinen können. Aber es war eine melancholische Freude, so als käme ich an einen verlorenen Ort meiner Kindheit zurück.
Nun ist, wenn ich zu mir ehrlich bin, meine Reise genau das, meine Reise ist der Versuch, den Zauber meiner Kindheit in Asien zu finden.
Als ich mit feuchten Augen auf der Lushan Lu stand, sprang mein innerer Affe im Kreis.
„EsistunsgelungenEsistunsgelungenEsistunsgelungenEsistunsgelungen“
Doch der Herr sagte: „Nein so nicht“.
„Als ich das zweite Jahr in China lebte, war ich oft genervt von Changsha. Als ich wiederkam, liebte ich die Stadt, es kann nicht sein, dass ich mein Leben nur im Rückblick lieben kann.“
Es heißt, Reisen bildet.
Nun, nach dieser kurzen Reise von Nanjing nach Changsha kann ich ganz Southparklike vortreten und sagen: „Ich habe heute etwas gelernt“
„Ich sollte mein Leben im ersten Augenblick genießen und nicht, wenn ich es misse“.
Ich habe aber noch etwas gelernt. Changsha gefiel mir, weil es weniger verwestlicht oder vermodernisiert ist als Nanjing.
Oder auch: „In Nanjing vermisse ich China“.

Nun ist diese Reise zurück auch schon vergangen und heute warte ich darauf, dass Ting Ting mich verlässt. Ich befürchte, dass ich bald mit Trauerfreude an sie denken werde.
Ting Ting hat ihrer Mutter von uns erzählt.
Diese wohnt mit dem Vater eine Halbtagesreise weg von Changsha. Sie kommen vom Land, sind eher konservativ und gegen mich.
Das habe ich durchaus erwartet, was mich aber beleidigt, ist der Grund ihrer Abneigung.
Ich bin ihn nicht – wie ich erwartete – zu unchinesisch. Ich bin ihnen nicht – wie ich befürchtete – zu arm für ihre Tochter. Sie sagen, ich sei zu alt. Das saß, das war gemein.
Ich bin wütend auf Ting Tings Eltern, aber nicht weil sie mich beleidigten, sondern weil sie ihre Tochter quälen.
Am letzten Freitag hatte Ting Ting ihren Eltern erzählt, dass es mich gibt und sie mich liebt. Am Samstag stand ihre Mutter vor ihrer Tür und sprach zu ihr. Die Kernbotschaft war: „der alte Sack oder wir, wenn du beim alten Sack bleibst, dann hast du keine Familie mehr“.
Noch hat sie mich nicht verlassen, aber als wir telefonierten, hatte sie eine kleine Stimme und klang, als wolle sie weinen.
Am folgenden Wochenende wurde sie zum Rapport bestellt nach Hause.
Ihre Eltern – diesmal mit doppelter Stimme – wiederholten sich: „Er oder wir, wenn du zu ihm gehst, brauchst du nie wieder zu uns zu kommen, aber wir werden unglücklich und jung sterben, weil wir uns für den Rest unseres Lebens sorgen machen um dich!“
Das nächste mal, als wir am Telefon sprachen, hat sie geweint.
Es gibt nichts schöneres als Liebe in der Familie.
„Sie machen sich nur Sorgen um mich“, sagt Ting Ting.
Noch habe ich eine Freundin und ich weiß schon lange, dass ich sie, wenn ich bei ihr bleiben will, heiraten muss. Aber ich weiß nicht, ob ich solche Schwiegereltern will.
Wie es auch immer weitergehen mag, wenn ich Ting Ting wiedersehe, werde ich unsere Zeit genießen, während sie vergeht und nicht erst, wenn ich sie misse.

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