Familienleben und Lagerkoller

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Auf den Reisfeldern um das Tanghaus ist die Welt immer noch nicht untergegangen, aber wir gehen uns manchmal auf die Nerven. Um Angst zu bekommen, muss ich in die 5. Dimension eintauchen. Ich habe ja ein schmutziges Vergnügen daran, im Netz dumme Kommentare zu lesen und lese auch heute am liebsten in jenen Gruppen und Strängen, in denen die Schreiber am lustigsten eskalieren. Sehr empfehlen kann ich dazu, die Facebookseite »Shanghaiist«. Der Shanghaiist ist so etwas wie die Bildzeitung für internationale Gastarbeiter in China, die gar nicht in China sein wollen. Schon an normalen Tagen beschreiben die dortigen Artikel vor allem, wie grauenvoll China und insbesondere die Chinesen wären und die Leser glauben alles, was China schlecht macht. Zur Zeit  reichen die Kommentare dort von: »wir werden alle sterben« bis zu »Möge Gott uns retten«. Aber auch, wenn ich gern über diese Eskalisten lache, die wahrscheinlich auf den Weltuntergang warten, weil dann endlich mal was passierte in ihren Leben, ist die Situation nicht komisch. SARS-Cov-2, wie der Virus offiziell heißt, wird wohl um die Welt gehen. Und auch wenn nicht viele erkrankte sterben, werden sich so viele anstecken, das es insgesamt zu vielen Opfern kommen könnte. Der Weltuntergang wird zwar ein Onlinephänomen bleiben, Covid-19 kann aber ein jährliches werden.    

Heute schon hat der Virus oder besser dessen Bohei hüben zu Verwerfungen geführt, über die wir hier drüben stolpern und zusammenstossen, in diesem kleinen Haus muss eine Familie und ein Fremder unerwartete Nähe überstehen. Ich spüre innerhalb meiner neuen Familie keine Angst, bin auch beeindruckt, von der Disziplin, mit der sich die Dorfmenschen voneinander fern halten. Denn sich fernzuhalten, ist sehr unchinesisch. Bei uns heißt es ja immer, Chinesen seien Kollektivmenschen. Man könnte aber auch sagen, dass sie gesellig sind. In meinen ersten Tagen im Tanghaus hatte ich das Gefühl, dass es nur Türen habe, um sie den Gästen aufzuhalten. Es war ein stetiges Kommen und Gehen, Reden und Lachen. Das ist vorbei. 

Allerdings sind wir nicht ganz allein, denn das Tang Haus steht nicht ganz allein. Es hat einen Nachbarn: Es ist noch ein Tanghaus!

Das zweite ist eigentlich das erste Tanghaus, denn es ist älter. Dort wohnte einst Tings Großmutter, heute lebt dort ihr jüngster Onkel samt Familie. Onkel Mao ist der Handwerker und Schlachter der Familie. Ein hagerer Mann, der gerne, lacht, spielt und raucht. Seine Frau heißt Chong und sie lacht noch mehr, sie hat die Kunst gemeistert, zugleich zu lachen und zu sprechen. Wann sie atmet, weiß ich nicht. Ich mag die beiden, sie lassen sich vom Leben die Freude nicht nehmen. 

Die beiden haben 2 Töchter. Die größere heißt Qian und ist 14 Jahre alt und verhält sich auch so: sie bleibt meist auf ihren Zimmer. Außerdem ist sie adoptiert.

Die kleinere heißt Jen Jen, ist eine künstliche Befruchtung und ein wenig jünger als Tian Tian. Jen Jen ist ein unglückliches Kind. Sobald Tian Tian ihr ein Spielzeug wegnimmt, sobald ihr Lieblingsessen alle ist, sobald etwas unerwartetes geschieht verharrt Jen Jen, lässt ihr Lächeln fliegen, erstarrt und wendet das Gesicht zur nächsten Wand. Wenn dann jemand oder ich mit ihr spreche, schaut sie nur zu Boden und schüttelt ihr Haupt. Wenn man dann aber bei ihr bleibt, merkt sie das. Kürzlich durfte ich sie das erste mal auf den Arm nehmen. 

Außer den zwei Tangfamilien und dem Virusschatten leben hier noch 20 Hühner und eine weiße Hündin mit ihren 3 Welpen. Die Hündin hat keinen Namen und darf nie ins Haus, sie und ihre Kinder wohnen bei den Hühnern. Sie wird nicht einmal gestreichelt und ich sagte Ting, dass Chinesen sehr gemein zu Tieren wären.

Seitdem ich weiß, dass Covid-19 für Kinder kaum gefährlich ist, habe ich weniger Angst. Nichtsdestotrotz komme ich beim Schreiben und auch im Leben hier, immer wieder auf den Virus zurück. Anders als in den Städten bestimmt oder beendet er den Alltag hier nicht. Covid-19 ist eher wie ein beständiger Störton, so als hätte der Tag Tinnitus. 

Morgens erwache ich gegen 7 Uhr, was spät ist, für mich, aber auch meine innere Uhr scheint verstanden zu haben, dass es nichts zu tun gibt und lässt mich den Morgen verschlafen. wenn ich dann erwache bleibe ich oft liegen. Über der Decke ist es kalt aber unter der Decke liegt Ting und ist warm. Dann höre ich unter der Decke ein Hörbuch, lerne chinesisch, checke aber zuerst die Infiziertenzahlen. 

Wenn wir herab gehen, erwartet uns Mutter Zhang mit dem Frühstück und vorwürfen, weil wir so spät aufstehen. Eigentlich habe ich mir Frühstücken abgewöhnt und genieße nichts zu essen genauso sehr wie gutes Essen. Aber eine Mahlzeit auszulassen ist im chinesischen Katalog des Schlechten das Schlimmste. Deshalb esse ich alles, was Mutter Zhang mir gibt. Ting meint, dass ihre Mutter normalerweise nur für Mittagessen und Abendbrot zuständig ist und ob ich mir mein Frühstück nicht selbst machen könne. Es sieht so aus, als müsste ich mir, das Frühstück, dass ich nicht essen will, bald selbst zubereiten. Die 2. Todsünde im chinesischen Katalog ist es, eine Mahlzeit zu verschieben, deshalb folgt auf ein spätes Frühstück schnell das pünktliche Mittagessen: das Leben hier besteht größtenteils aus Mahlzeiten, die nicht nur lecker und zahlreich sondern leider auch groß sind. Bevor mich irgendein Coronavirus findet, platze ich wahrscheinlich. Das wäre auch ein Tod, der gut zu mir passte. 

Vielleicht ist es aber auch der Plan meiner Schwiegereltern, mich zu Tode zu füttern? Vielleicht ist es eine alte chinesische Landtradition. Der Verlobte wird gemästet und in der Hochzeitsnacht beißt die Braut dem Bräutigam den Kopf ab  und die Familie verspeist ihn.

Wenn ich aber bedenke, was hier jeden Tag auf den Tisch kommt, dann scheint mir, dass mir das auch geschehen kann. 

In jeder Familie wird aber nicht nur essen, sondern auch Klatsch und Gerüchte serviert. Von diesem Gericht, auf das nein Hunger groß ist, bin ich lieder ausgeschlossen. Das liegt zum größeren an meinem schlechten chinesisch und zum kleineren Teil  an dem Hunandialekt der Tangs. Normalerweise bin ich derart introvertiert, dass es mich kaum stört, mit niemanden reden zu können. Jetzt geht mir aber, die klare Rollenverteilungen: die Tangs reden und ich verstehe nichts, auf die Nerven. Ich möchte zur Zeit nicht nur Online lesen, was in China geschieht, sondern auch wissen, ob es in meiner Nachbarschaft Gründe gibt, Angst zu haben. 

Ting übersetzt mir nur hin und wieder Informatiönchen. 

Wie sprechen von der Kindheit – sie sagen, du seist sehr groß. 

Meistens gibt es nur 1 oder 2 solcher Schnipsel pro Mahlzeit. 

Was ich so erfahre richtet sich leider nicht nachdem, was ich wissen möchte, sondern mehr danach, worüber die Tangs sprechen und am meisten danach, was Ting mir übersetzen will.

Zum Frühstück gibt es Nudeln und Ting übersetzt: »Mama hat vor zwei Wochen einen Mann aus Wuhan getroffen und macht sich jetzt sorgen«.

Während des Mittagessens schaut links ein Hühnerkopf und rechts zwei Hühnerfüße aus dem Suppentopf, ich erfahre: »Ein Kollege des Vaters ist seit ein paar Tagen spurlos verschwunden«.

zum Abend gibt es Schildkröte. Das Fleisch ist eine merkwürdige Mischung aus Glibber, zäh und Knochen und schmeckt trotzdem. Jedes Stück sah leicht außerirdisch aus. Nie wusste ich, ob ich Muskeln, Haut oder Organ esse. Oft fragte ich daher Ting Ting: »Kann man das essen?« immer sagt sie genervt »ja«. Einmal beschaute sie danach ein Stück Schildkröte, dass sie sich selbst genommen hatte, kam schnell zum Schluss, dass es ihr nicht gefällt, legte es in meine Schüssel und sagte: »Dieser Kollege hatte hohe Spielschulden und sei deshalb weggerannt«

Beim Nudelfrühstück: »Die Dorfbewohner sind neugierig auf dich« und »Eine Familie, in der einer in Wuhan arbeitet, steht unter Hausarrest, bisher ist aber niemand krank. Die Familie selbst hat ihren Wuhanheimkehrer in dessen Schlafzimmer eingesperrt«. Diese chinesischen Quarantänen scheinen die Form von russischen Matrjoschkas anzunehmen

Zum Abendessen gibt es ungelegte Eier in Hühnerblut, ich höre: »der verschwundene Kollege wurde gefunden. Seine Leiche trieb im Stausee. Er hat sich wohl wegen seiner Spielschulden umgebracht«

Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Tangs recht wenig Angst und viele andere Themen und mich noch nicht im Schlafzimmer eingesperrt haben. Das sind gute Zeichen, denke ich.  

 Zwischen die Mahlzeiten presse ich, was ich tun möchte: Schreiben und heimliche Spaziergänge. Meine Hauptbeschäftigung und Dolmetscherin bleibt aber Ting Ting. Ich las meinen letzten Blogeintrag noch einmal und befürchte, dass ich hier ein wenig unrecht tat, es stimmt zwar: sie trägt Seidenkleider, sie flucht, sie ist stur, jedoch ist sie keine vor sich hinfluchene Willensmaschine. Die meiste Zeit über ist sie still. Sie ist ein schüchternes Wesen und hat Angst ihre Meinung zu sagen, auch Ihre Verweigerungen sind meist still. Verdammt sie kann sogar still fluchen! 

Ting ist oft still, weil sie traurig ist und ich habe den Eindruck, dass ihr auf ihrem Weg ein Unglück widerfahren ist, von dem sie schweigt. Ich denke nicht, dass es ein singuläres Ereignis, war sondern der Druck ist, erfolgreich und glücklich zu sein, denn wer bei all den Luxusgütern und dem Arbeitsspaß nicht glücklich erfolgreich ist, der ist selber Schuld. Das ist zumindest der Narrativ in den Köpfen so mancher.

Ich wiederum bewundere Ting dafür, was sie erreicht hat. Den sie war die 1. aus ihrer Familie, die den Gaokao bestand und studieren konnte. De erste die ins Ausland ging: die erste die vom traditionellen Trampelpfad wich und ohne Kompass  durchs Leben stolpert. Sie ist aber oft traurig mit sich. Das bricht mir das Herz ich sähe sie gern ein wenig glücklicher und versuche sie glücklich zu machen. Leider hilft es nicht, miteinander eingesperrt zu sein. Besonders in den letzten Tagen stritten wir über Dinge, über die wir sonst lachen.

bdr

Ich habe durchaus Probleme mit dem Quarantäneleben und rutsche immer wieder in einen Lagerkoller, das besonders an Tagen, die so kalt sin, dass mir sogar die Reisfelder als letztes Versteck verschlossen sind. Das Haus hat 10 Zimmer. darunter sind 9 Zimmer Arschkalt und eines immer voll. Ich hasse die Kälte und bin introvertiert. Insgesamt bin ich erstaunt, dass ich nicht täglich eskaliere.

Stattdessen lerne ich Dinge – wie z.B. Schreiben – von denen ich dachte, dass ich sie nur tun kann, wenn ich ganz allein bin, unter den Tangs zu tun. Sie zu tun, während Tian Tian meinen Namen ruft, weil ich mit ihr spielen soll; Jen Jen möchte, dass ich sie in die Luft werfe; Papa Tang Videos auf seinen Handy schaut, ohne einen Kopfhörer zu benutzen; Ting Gemüse wäscht und mich böse anschaut, weil ich es nicht tue; Mama Tang mit Schwägerin Tang Karten spielt und eine Ente auf dem Hof entrüstet schnattert, weil Lehrer Tang und Onkel Mao dabei sind, sie umzuschubsen. Das ist Familienleben: Großfamilienleben. Hätten die Verwandten kein Besuchsverbot, es wäre noch mehr los. 

Der Ort an dem all dies geschieht, ist das eine Zimmer, das geheizt ist. Wobei »geheizt« einer Eingrenzung bedarf. Geheizt ist nur der Tisch, der an der Nordwand zum Hinterhof und Hühnerstall hin steht. Hier essen wir und hier sitzt jeder, der keine ander Aufgabe hat. Es ist ein roter runder Tisch und statt Tischbeinen hat er einen Ofen. Die Tischfläche besteht aus 3 Kreisen. Auf der äußeren, kann jeder seine Teetasse, Reisschüssel oder sonst was abstellen, der mittlere Kreis ist drehbar und hier stehen zu den Essenszeiten die Speisen, der innerste Kreis ist ein Loch über dem Ofen, in welches man schmeißen, was man verbrennen oder auf das man stellen kann, was man kochen will. Meist steht dort ein übergroßer Teekessel. 

An diesem Tisch sitzen wir alle und ich schreibe hier. Da ich meinen Computer nicht auf eine Tischplatte stellen möchte, die im Laufe des Tages immer heißer wird, steht er auf einem Hocker und ich sitze im Profil zum Tisch, weshalb meine Rechte Seite verbrannt und meine Linke durchgefroren ist. Der Raum in den der Tisch steht, habe ich die gute Stube getauft. Das ist nicht sonderlich originell. aber ich konnte mir unter der »guten Stube« bis jetzt nicht vorstellen. Im Haus der Tangs ist die gute Stube ein Allzweckswohnarbeitszimmer. Wände und Boden sind nackter Beton und die Decke Holz. Links des Tisches liegt Kleinholz, hier kann, wer soll, Holzhacken. Ein einziges Mal sollte ich können, konnte aber nur so langsam hacken, dass ich nie wieder sollte. So hacke ich nicht sitze aber stets in der Nähe des Holzhaufens, der hin und wieder von einem Tang mit der Axt und manchmal auch mit einer Motorsäge bearbeitet wird. Ich beobachte den Holzpegel genau, wenn er mir zu niedrig scheint, versuche ich sehr beschäftigt mit Tian Tian zu spielen, damit auch wirklich niemand auf die Idee kommt, mich hacken oder sägen zu lassen. Vom letzten Hacken hatte ich 4 Tage lang Rückenschmerzen. Einmal als Lehrer Tang mit der Motorsäge zu Gange war, meinte meine Ting, dass ich ihm helfen solle. Also stellte ich mich ängstlich daneben, befürchtete jemand gäbe mir die Säge und stellte mir vor, wie es sich anfühle, sich ein Bein anzusägen. Ich möchte nicht ins Krankenhaus. Hier auf den Land sind nur Hunde, Hühner, Enten und. Covid-19 ist ja keine Vogelgrippe. Im Krankenhaus aber sind fremde Menschen und die könnten ansteckend sein. 

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Lehrer Tang und Schwägerin Hui fahren oft mit Tian Tian Die Hui Hälfte der Familie besuchen. Vater Tang muss arbeiten. Wir anderen bleiben zu Hause und versuchen, die Zeit zu vertreiben. 

Ting und ich haben ein Brettspiel mitgebracht und so sitzt oft die ganze Familie zusammen und spielt die Siedler von Katan. Besonders Onkel Mao und Schwägerin Hui lieben das Spiel. Eine Seuche zum Katanmarathon zu machen, finde ich gut, was mich aber stört ist dass Schwägerin Hui jede Partie gewinnt und dass die Familie meint, man könne nicht spielen, ohne zu essen. ich mag nicht mehr essen, wenn ich hier raus bin, werde ich fasten. Allerdings sind sie Snacks die es zum Spiel gibt, sehr gut. Es gibt Mandarinen, Apfelsinen und Nüsse. Dazu serviert Mutter Tang selbstgemachte Süßkartoffelchips. 

Manchmal gehe ich mit Lehrer Tang fischen. Wenn wir im nahegelegenen Bach fischen, schnallt sich Lehrer Tang eine Autobatterie auf den Rücken. In der einen Hand nimmt er einen langen Stab, an dessen Ende Elektroschocker stecken. In der anderen Hand hat er eine Art Schmetterlingsnetz, mit dem er die geschockten Fische einsammelt. Die Methode scheint mir brutal, aber weil ich Aal bekomme, sage ich nichts.

Wenn wir im Familienfischteich fischen, dann angeln wir. Bei der Gelegenheit sitzen wir schweigend nebeneinander. Manchmal leistet uns Tian Tian Gesellschaft und schreit, weil es ihr zu still ist. Bienen summen um die ersten Frühlingsblumen und es ist das 1. Mal, dass sich angele und ich liebe es. Stillsitzen und auch Fische warten, scheint zu mir zu passen. Die Gespräche mit Lehrer Tang sind eintönig, da er zwar ein wenig Englisch kann, aber meistens nur 2 Worte benutzt. 

das geht dann ungefähr so  … 

Er: »o. k.?«

Ich: »o. k.!«

Er: »good.«

aber später haben wir noch ein Bier zusammen getrunken, daher gehe ich davon aus, dass wir uns verstanden haben. Irgendwann musste er denn gehen und als ich fragte, sagte Ting, dass er jetzt mit Onkel Mao die Hundewelpen  einsammeln muss. 

Ich machte mir Sorgen und fragte: »Werden sie die Welpen schlachten?«

Ting sah mich schräg an und sagte: »natürlich nicht«

dann vermutete ich, dass sie in einen Sack kämen und im Fischteich landeten. Ting wunderte sich, wo ich solche Horrorgeschichten her hätte und als ich ihr sagte, das in Deutschland Bauern sowas mit einen Welpenüberschuss machten, sagte sie: »ihr Deutschen seid sehr gemein zu Tieren«.  

An den Abenden Versuche ich eine Bildungslücke von Ting zu füllen. Sie hat nämlich noch nie einen einzigen Quentin Tarantino Film gesehen. Wir begannen mi den letzten und sahen »once upon a time in Hollywood. Der Film hat ihr ganz gut gefallen, aber als am Ende die Tarantino typische Gewalt ausbrach, da lachte sie, Sie lachte, wie sie noch nie davon gehört habe, sie lachte wie ein glückliches Kind an Weihnachten. Manchmal macht sie mir Angst. Aber wir schauen jetzt jeden Abend einen Tarantino Film, ich sagte ja schon, ich mache sie gern glücklich und wenn es dazu Gewalt bedarf … Was soll’s!

 eine unserer Filmabende wurde aber unterbrochen. Wie schaut und gerade Django und waren schon im Bett, als Tings Mutter anrief ihr sagte, sie sollte noch einmal zur Familie herabkommen. Mir war klar, das ist ein unangenehmes Thema werden musste und bot Ting an, mitzukommen. Sie meinte aber, das sei keine gute Idee. Ich konnte ihr ansehen, dass ihr ein wenig mulmig war als sie herabging. 

Es war ein altes Thema, das Tings Eltern mit ihr besprechen wollten: die Eigentumswohnung. China ist kein Land von Mietern. Wer sich hier keine eigene Wohnung kauft, der lebt unter der gefühlten Armutsgrenze Chinas. eigentlich muss, wer heiraten will, schon eine Wohnung haben. Allerdings hatte Tings Bruder, als er seine Hui heiratete, keine eigene Wohnung. Daher kaufte ihm Tings Vater eine. Die Tangs wollten nun von Ting wissen, wann und wo wir eine Wohnung kaufen würden und ob meine Eltern dabei helfen würden. 

Es ist eines von Tings größten Zielen, mich dazu zu überreden, eine Wohnung zu kaufen. Ich bin kein großer Freund von der Idee, weil Kredite mir Angst machen. Ting verfolgt denke ich die Doppelstrategie mich zu überzeugen und bei ihren Eltern Zeit zu kaufen. Tings Vater scheint mit der Situation recht entspannt umzugehen aber ihre Mutter ist etwas nervöser und möchte, dass wir bald kaufen. Sie boten sogar an, dass wir, bis wir etwas gekauft haben, in den Hühnerstall ziehen können. Damit mich Ting nicht schlägt, wenn Sie diese Zeilen liest, muss ich meine Worte insoweit korrigieren, dass die Tangs angeboten, dass wir dort, wo der Hühnerstall steht,. Ein Haus bauen können, wenn wir uns nicht leisten können, in der Stadt eine Wohnung zu kaufen. Ich bin zu gleichen Teilen amüsiert, gerührt und erleichtert. Ich freue mich sehr über die Gastfreundschaft aber irgendwann wollte ich eigentlich wieder weg. 

Allerdings verspüre ich auch einen Hauch Erleichterung, der auch meine chinesische Familie den Weltuntergang nicht unmittelbar bevorstehen sieht, dass sie eine mögliche Eigentumswohnungslosigkeit ihrer Tochter stärker fürchten als Covid-19. 

Ich lerne hier viel über Nähe. Covid-19 hat mich stärker in diese chinesische Familie integriert als es das Frühlingsfest gekonnt hätte. Als Einzelkind habe ich noch nie in meinem Leben mit so vielen Menschen unter einen Dach gewohnt. Das letzte mal als ich so regelmässig meine Mahlzeiten mit mehr als einer ausgewählten Person einnahm, war ich auf Klassenfahrt. Das überraschende ist, es gefällt mir. Ich werde zwar introvertiert verbleiben, aber denke, dass ich diesem Familienleben öfter mal eine Chance geben sollte. Gestern aber, als es regnete und ich eingesperrt war, wäre ich am liebsten geflohen, war aber wie alle anderen auch an die Wärme des Ofentisches gebunden. Ich dachte, dass ich diesen Tag nicht überstehen könnte, ohne zu fluchen oder zu weinen und das Ting und ich uns nur deshalb nicht an die Kehle gehen können, weil wir beide mittlerweile ein Doppelkinn haben. 

Aber dann kam Onkel Mao und wir spielten Katan, aßen Süßkartoffelchips und lachten. Der Abend war gut.  

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