Am Anfang …

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Am Anfang…

Eigentlich wollte ich mit dem Satz beginnen: Gestern bin ich angekommen, heute bin ich immer noch nicht hier. Doch vor ein paar Tagen hat mich meine Großmutter daran erinnert, dass einer der ersten Einträge in mein Russlandbuch mit den Worten endete: ich sei zuhause. Das Gefühl zuhause zu sein, habe ich auch heute, habe ich auch hier in China. Damals in Russland fand ich das Gefühl der Heimat in den Armen einer Frau, die ich zu sehr liebte. Heute kommt es aus den Bildern meiner Kindheit. Denn die Straßen Changshas sind so wie diese, sie sind voll Leben, voller Gerüche und Augenblicke. Sie erstrahlen in einer Art von anarchistischen Energie, die ich in Berlin nicht kenne. Als ich 5 Jahre alt war, nahm mich meiner Mutter für fast zwei Jahre nach Asien. Später begleitete ich sie noch oft auf ihren Reisen. Mit nach Hause nahm ich ein Heimweh nach der Ferne und einen Hunger nach Erfahrungen, den ich nicht stillen kann. Dafür bin ich meiner Mutter ewig dankbar, denn dieser Hunger machte aus Leben Erleben.
Auf mein Leben, mein Erleben, meine Kindheit und mich werde ich in diesem Blog noch öfter kommen, heute werde ich mich aber damit begnügen, über Gestern und Heute zu schreiben, bevor diese neuen Augenblicke untergehen.

17.09.13
Gestern kam ich in China in Changsha an. Ich komme als Sprachlehrer. Das ist nichts Ungewöhnliches, viele Europäer gehen heute nach China und einige von ihnen arbeiten als Sprachlehrer. Für mich ist es allerdings genau das Richtige, mir fällt gerade nichts ein, was ich lieber täte. Gestern nachmittag kam ich in Changsha an und obwohl ich mit meinem Arbeitsvertrag in der Tasche kam, wurde ich nicht abgeholt, sondern musste selbst meinen Bus in die Stadt finden. Das war sehr einfach. In der Tat war es so einfach, dass ich ein wenig enttäuscht war. Schließlich sind es ihre Schwierigkeiten, die eine Reise ausmachen. Am Endbahnhof wurde ich dann endlich erwartet. Jasmin He wurde von der Uni als Betreuerin für meine ersten Tage abgestellt. Die Arme ist jetzt schon müde. Meist fragt sie mich, was ich machen möchte, wobei ich Hilfe bräuchte. Was ich ihr dann sage, worauf sie mit mir macht, was sie für richtig hält. Dies ist keine Beschwerde, denn mit den Resultaten ihrer Bemühungen, bin ich sehr zufrieden. Schon im Taxi warnte sie mich mehrfach, dass mein Apartment sehr klein sei. Im Laufe der Warnungen wechselte sie vom „Versprechen“ Apartment, zur Beschreibung „Zimmer“. Tatsächlich stellte sich dieses dann als ein Zimmer im Studentenwohnheim heraus. Mit meinem Zimmer und dem dazugehörigen Bad kann ich leben, stören tut mich zum einem, dass meine Küche eine Gemeinschaftsküche ist und dass das Studentenwohnheim um 23 Uhr seine Tore schließt. Ich glaube gar nicht, dass ich so oft später nach Hause kommen werde, aber ich möchte es können, wenn ich es will. Nachdem ich heute das Thema ansprach, versicherte meine Chefin Frau Peng – gesprochen Pong – mir, dass ich bald als Einziger im Wohnheim einen Schlüssel für die Haupttür bekommen werde und dass sie mir in den nächsten Monaten das versprochene Apartment suchen würde. Der Nachteil am eventuellen Apartment wäre aber, dass ich weiter weg von der Uni in einer ruhigeren Wohnung lebte. Das mit der ruhigeren Gegend wäre sehr schade, denn meine Nachbarschaft ist so wie ich Asien liebe: ein Labyrinth aus kaputten Gassen, ein Gedränge aus mobilen Garküchen, ein Irrgarten aus Gerüchen. Auf meinem Stockwerk im Heim wohnen außer mir eigentlich nur Araber und Schwarzafrikaner. Das ist nicht das, was ich erwartet habe, aber auch nichts, was einen überraschen muss, wenn man ein zweites Mal nachdenkt.
Nachdem ich gestern mit Jasmin zum Abendessen war – sehr lecker ‑ wollte ich noch ein Bier trinken in diesen Straßen. Zuerst fand ich keines in den kleinen Läden, in denen ich suchte. Immer wieder wenn ich bierlos einen der Läden verließ, hörte ich ein Kichern von einer Gruppe junger Mädchen, die mich beobachtete. Als ich weiterging, lief eines der jungen Frauen mit einem Lachen an mir vorbei. Bald kam sie wieder und brachte mir ein Bier. Leider wollte sie es nicht mit mir trinken, sondern verließ mich kichernd und glücklich, um sich wieder in ihrer Horde zu verstecken. Schade, ich mochte sie. Mein Abendbier trank ich dann allein auf einer wackligen Bank mit Blick auf ein fröhlich schwatzendes Gedränge aus Studenten und rollbaren Restaurants vor den Toren einer Kungfu Schule. Durch das Fenster der Schule konnte ich beobachten, wie sich die Schüler verprügelten. Auf mehr China konnte man am erstem Abend kaum hoffen. Später setzte sich Hamed, einer der Afrikaner, aus meinem Stockwerk zu mir. Aber er wollte nicht wirklich mit mir sprechen. Wahrscheinlich setzte er sich nur, weil ich ihn gegrüßt hatte. Hameds Meinung nach sei es sehr schwer, Kontakt zu Chinesen zu finden, da diese sehr schüchtern seien und kaum Englisch könnten. Wir werden sehen, dachte ich.

18.09.13
Noch am vorigen Abend hatte ich überlegt, mehr als ein Bier zu trinken, ließ es dann aber sein. Am Morgen war ich sehr dankbar über meine Entscheidung, denn Jasmin stand vor der Tür. Nicht etwa wie verabredet um 11 Uhr, sondern schon um halb acht. Schon bevor Jasmin mich weckte, hatten mich ein paar schreiende Chinesen aus dem Schlaf gerissen. Vor meinem Balkon stand eine Schar junger Männer und Frauen im Pseudouniformen. Diese Uniformen waren mir schon am ersten Abend aufgefallen. Sie sahen so billig aus, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass eine ernsthafte Armee oder ein Berliner Armeeladen sie in ihre Kollektion aufnehmen würde. Hier in Changsha sieht man sie überall, allerdings ist das chinesische Militär eine sehr ernsthafte Veranstaltung. Wunderbar, wie immer, wenn Dinge nicht zusammenpassen, erwacht meine Neugier. Jasmins Erklärung war folgende: Das sind die Studenten im ersten Semester. Die Unileitung hat bestimmt, dass alle neuen Studenten zunächst ein zweiwöchiges Training absolvieren müssen, das ihnen helfen soll zu verstehen, dass ein Studium harte Arbeit ist, die ein starkes Herz und Leidensbereitschaft erfordert. Ich sagte nichts.
Im Laufe des Tages eröffnete mir Jasmin ein chinesisches Bankonto und ging mit mir verschiedene langweilige Dinge kaufen. Dinge eben, die man braucht, auch wenn man sie eigentlich gar nicht haben will. Dabei kamen wir an einem großen Sportplatz vorbei. Überall auf dem Sportplatz standen und exerzierten Erstsemestler in der gleißenden Mittagssonne. Welchen Sinn hat es, Menschen die lernen sollen, zunächst in die Hitze zu stellen? Wie hätte ich reagiert, wenn mein Studium so begonnen hätte? Füllt dort auf dem Sportplatz einer im Geiste seine Exmatrikulationspapiere aus? Leiden sie, oder sind sie stolz? Fühlen sie sich schikaniert oder trainiert? Erwarten sie etwa, bessere Menschen zu werden? Ich denke, das Wort, das ich suche, schreibt sich Initiationsritus. HOP, HOP: die Rennbahn entlang marschiert, sie machen einen Studenten aus dir und der Student, der marschiert, marschiert im Gleichschritt einer glorreichen Zukunft entgegen, oder zumindest ins nächste Einkaufszentrum. Abends sehe ich viele der Gedrillten und Initiierten wieder. Sie trinken Bier, lachen, flirten und tragen Garfield T-Shirts unter ihren Uniformen.
Später traf ich meine beiden Vorgesetzten Frau Peng und Professor Yang. Wir sprachen ein wenig über meine Arbeit. Professor Yang gab mir auch ein paar Reisetipps, riet mir aber davon ab, die heiligen Berge an den chinesischen Feiertagen zu besuchen, sonst sehe man beim Runterschauen nur Köpfe und beim Raufschauen nur Ärsche.
Der Abend begann wie der Morgen: mit Geschrei. Es war 20 Uhr, ich war müde, ich wollte nicht schlafen und draußen schrien die Chinesen. Ich nahm das persönlich, verstand es als Aufforderung auszugehen. Zuerst warf ich einen Blick von meinem Balkon. Der Ausblick ist am Tage nicht schön. Wenig modernes China, dafür viel rote Erde und noch mehr baufällige Häuser. Ich wohne im zweiten Stock, kann also nicht mal weit sehen. Manchmal ist das auch gar nicht nötig.
Auf den Hof vor meinem Balkon hatten sich wieder einmal die Initiationsoldaten versammelt. Sie hatten Spaß. Sie schrien nicht, sie kicherten. Manchmal sprach ein einzelner Mann in eine Flüstertüte, worauf die Hälfte der Belegschaft lachte und die andere Anfeuerungsparolen schrie. Geistreich dachte ich: Mrmpf: der Chinese an sich mag es laut. Etwas Essen, dachte ich, vielleicht ein Bier oder auch zwei, aber nicht mehr.
Auf meinem Weg passierte ich die kichernden Soldaten. Ich bin zu müde, sagte mein Körper; ich bin hungrig, knurrte mein Magen. Scheiß auf euch, dachte ich, und stellte mich zu der Gruppe und wartete darauf, bemerkt zu werden. Es passierte nichts. Als ich mir die Gruppe genauer ansah, fiel mir auf, dass fast alle Jungen links standen und fast alle Mädchen rechts saßen. Erwischt, dachte ich. Wieder betrat ein uniformierter Junge den freien Raum zwischen den Geschlechtern. Er sah jetzt wirklich aus wie ein Kind in Uniform, nicht Mann, nicht Student: Kind. Er murmelte etwas. Darauf kicherten alle Mädchen. Nun fast alle. Eine stand auf und stellte sich dem Jungen mit dem Megaphon gegenüber. Ich hatte zwar so meine Theorien, wollte es aber genau wissen und sprach den nächsten Chinesen neben mir an. Was passiert hier?
Währenddessen hatte das Kind mit dem Megaphon angefangen zu sprechen. Er richtete sich direkt an das Mädchen, die ihm wie in einem Duell gegenüber stand. Das arme Ding, das muss fürchterlich laut gewesen sein. Die Stimme unseres Helden klang, nun ja sie klang wie eine wilde Mischung aus Chinesisch, Stimmbruch und Nervosität, die mit einem hübschen jungen Mädchen konfrontiert wird. Er wand sich nach links und rechts und beugte sein Körper vor und zurück, als müsste er jedes seiner Worte zwingen.
Ich wiederholte meine Frage an den nächsten Chinesen. Er sah mich mit den erschreckten Augen eines jungen Chinesen an, der Englisch sprechen soll, dem aber nur theoretisch klar ist, wie das geht. „Liebe, Liebe“, sagte er.
Unser Paar der Mitte stand sich immer noch gegenüber. Der Galan hatte ausgestottert. Sein Mädchen sagte nichts, sah ihn an, nahm seine Hand und verließ mit ihm den Hof: Ein Happy-end.
Was passiert jetzt? Fragte ich.
One Night, One Night, kicherte ein Mädchen neben mir.
„Oh, darf ich mir auch eine aussuchen?“ Verdammt Kalle! Erst denken, dann sprechen.
Das Mädchen neben mir tauchte lachend ab.
Also wandte ich mich wieder meinem nächsten Chinesen zu und ließ mir erklären, was hier passierte. Ihr Unimilitärtrainer – Militärprofessor? Schikanendozent? – hatte diese Aktivität organisiert, um den jungen Männern und Frauen des Jahrgangs eine Gelegenheit zu bieten, sich kennenzulernen. Natürlich würden sie keinen Sex haben – die meisten nicht, dachte ich – sondern würden vielleicht mal miteinander ausgehen, fuhr er fort – Viel Glück, dachte ich. Ich frage meinen Chinesen, warum er nicht auf dem Platz stehe und eine Dame auffordere. Daraufhin begann er so heftig zu stottern, dass ich mich schämte. Mit 18 oder 19, denn ungefähr in dem Alter beginnt man hier zu studieren, hätte die ganze Militärmacht Chinas mich nicht zwingen können, an solch einer Veranstaltung teilzunehmen. Und hätten sie es doch geschafft, hätten sie mich auf die Bühne zwischen den Geschlechtern geschleift, wäre ich wahrscheinlich vor Schreck gestorben. Während mein Gesprächspartner weiter stotterte, tippte mir ein Nerd auf die Schulter. So etwas passiert außerhalb Facebooks seltener als man denkt. Den kleinen Mann, dem ich jetzt gegenüber stand, muss ich nicht beschreiben. Stellt euch einen chinesischen Nerd vor, gebt eine Brille ins Gesicht und etwas Fett auf die Hüften, bleibt jedem eurer Vorurteile treu und zieht ihm ein rotes T-Shirt über. Da ist er!
Er begann mit den üblichen Geplänkel. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Dann fragte er: „was kannst du mir über iciaai sagen?“
„Äh, Pardon?“
„IIII-CCCCC-EEEEE!“
„?“ machte ich.
„Der Zug!“
„Ach so, ICE!“
Der junge Nerd sah mich leicht säuerlich an. „Was kannst du mir sagen?“
„Nicht viel, ich bin kein Ingenieur“
„Aber wie ist das Gefühl, wie ist das Fahren, sind die Sitze bequem?“
„Ähh!“
Eine junge Frau rettete mich. Sie reichte mir kaum bis zum Ellenbogen und bestand größtenteils aus einem breiten Lächeln. Auch Sie wollte mit mir sprechen. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Langsam wurde es eng um mich. Alle wollten sie mit mir sprechen. (Wie ich heiße, Woher ich komme usw.)
Schließlich fragte einer, was ich in China mache. Meine Antwort, dass ich Lehrer an ihrer Universität sei, löste einen wahren Freudentaumel aus. Alle wollten sie mir die Hand geben und die Schulter klopfen. Ich glaube, das laufende Lächeln hüpfte sogar ein wenig auf und ab. Vielleicht war ich der erste Universitätslehrer, der nicht von ihnen verlangte, Liegestützen zu machen. Einige wollten meine Telefonnummer haben, andere meine Zimmernummer wissen. Dann ertönte das Megaphon hinter uns. Der Schikanendozent rief zum Appell, na ja, zumindest rief er zu irgendwas. Und meine neuen Freunde mussten mich verlassen. Als ich das laufende Lächeln verabschiedete, hüpfte sie noch ein paar mal und lächelte so süß, dass ich schmolz. Der Nerd rannte mir noch ein paar Schritte hinterher und bat mich, ihm in Deutschland ein Model eines ICE zu besorgen. Man wird im Ausland oft mit merkwürdigen Wünschen konfrontiert. Eine Schülerin in Russland wollte Philipp-Lahm-Bettwäsche© und hier wollen Nerds ICEs.
Anschließend ging ich noch etwas spazieren, doch auch wenn mich die quirligen Straßen und Gassen Changshas wieder begeisterten, wusste ich doch, dass der lustigste Teil des Abends vorbei war. Obwohl… Die Straßen Ostasiens, dieses freudige Chaos mochte ich schon immer und es gefiel mir wieder. Manche fühlen sich vielleicht erschlagen von all den exotischen Eindrücken, mir hilft dann, mich zu erinnern, dass ich das einzige Exotische hier bin.
Nachdem ich etwas gegessen hatte, setzte ich mich an einen Straßenstand, trank ein Bier, rauchte eine Zigarette – ja, ja – und dachte an chinesische Frauen. Nun eigentlich sah ich sie an. Der Minirock war hier nicht aus der Mode gekommen und ihre Beine waren nicht zu übersehen. Noch besser allerdings ist, wenn sich die Blicke treffen und wenn ich dann lächele, dann lächeln sie zurück – alle. Das ist in Berlin seltener so, aber vielleicht fällt mir hier bloß das Lächeln leichter. Das Leben kann so schön einfach sein.
Schluck Bier – Minirock – Beine – Augen – Lächeln – Zug von der Zigarette.
Geil, so selbstbewusst fühlte ich mich zuletzt mit 22! Gleich nochmal! Als ich eine sehr moderne aussehende Frau samt Jeans und Tattoos anlächelte schenkte sie mir ihren bösen Blick. Ich verschluckte mich am Zigarettenrauch – hustete, ich bin einfach zu leicht aus dem Konzept zu bringen.
Nach dem zweiten Bier ging ich nach Hause. Auf dem Heimweg sah ich mehrere Erstsemestler in Uniform auf der Straße sitzen, sie saßen in Kreisen. In ihrer Mitte hatten sie Teelichter in Herzform aufgestellt und mit Rosenblättern aufgefüllt. Laut sangen sie gemeinsam chinesische Schlager. Chinesische Hippies in Uniform, die Datingspiele spielen. Wer hätt’s gedacht, ich hab’s nicht erwartet.
Zu Hause angekommen erwartet mich auf meinem Stockwerk einer der Chinesen, die mich im Hof kennengelernt hatten. Er nannte sich William. Alle jungen Chinesen haben sich scheinbar auch einen englischen Namen zugelegt, da wir Langnasen verbal behindert sind und ihre echten nicht beherrschen. Er hat mir ein Geschenk mitgebracht. Postkarten von Changsha. Ich bin gerührt. Chinesen sind schüchtern, von wegen. Später sendete William mir noch eine SMS, in der er fragt, wie ich heiße. Er spricht mich mit Sir an. Das gefällt mir. Vielleicht sollte ich mich „Kapitän, mein Kapitän“ nennen lassen. Es muss ja nicht gleich der große Steuermann sein.

Ich bin lange nicht zum Schreiben gekommen, da ich zum einem viel arbeiten muss und zum anderen so etwas wie ein Freizeitleben hier entwickle. Aber die letzten und die nächsten Tage hatte bzw. habe ich frei und heute versuche ich, etwas zu Papier zu bringen.

Die Stadt & Ich.
Herr Yang, ein chinesischer Professor, hat mir erzählt, dass man von der Universität in die Stadt bis zum Bahnhof laufen kann, er selbst mache das jeden Morgen. Das ist eh mein Plan für meine ersten Monate in Changsha. Ich gehe spazieren und erkunden. Dabei bin ich Mensch, ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Vorfahren einmal sesshaft waren.
Auf der Karte sieht der Weg weit, aber vielversprechend aus. Zuerst durchs Universitätsviertel – das kenne ich schon. Dann eine Zeitlang am Fluss entlang – bestimmt bekomme ich dort einen Snack und kann einen Tee trinken. Schließlich auf der größten Brücke der Stadt über den Fluss. Einen Zwischenstopp werde ich auf der kleinen Insel zwischen den Ufern Changshas einlegen. Dort gibt es eine große Mao-Statue und Orangenhaine. Hinter der Brücke geht es eine der größten, breitesten und modernsten Straßen Changshas entlang – das moderne China. Glücklich verlasse ich das Haus. Zunächst das Studentenviertel. Was ich hier mag, ist, dass es eben nicht so aussieht, wie ich mir das moderne China vorstellte. Die Häuser sind weder alt noch modern oder schön, aber das machen sie durch Baufälligkeit wieder gut, sie geben dem Viertel einen improvisierten Charme, den man nicht planen, der nur wachsen kann.
Leere Wände scheint es nicht zu geben, jeder Meter wird von einem kleinen Laden oder einem Restaurant beansprucht. Es gibt viel zu sehen und mehr noch zu hören – meine armen Ohren.
Östlich der Universität beginnt das Hügelland Hunans, direkt auf dem ersten Hügel wartet die Yule Akademie, die zweitälteste Universität Chinas. Noch habe ich sie nicht sehen können, doch an einem meiner ersten freien Tage, werde ich dort laufen gehen.
Das Leben im Viertel spielt sich ab entlang der Lushan Straße. Hier sind die größeren Geschäfte, Restaurants und Universitätsbauten. In den zahlreichen Seitengassen findet, wer sich traut zu suchen, kleine mobile Garküchen und schmale höhlenartige Restaurants für Studenten und Arbeiter. Im Angebot gibt es Dampfbrötchen mit Fleisch und Gemüsefüllung, Jaozi mit Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten, Kalmar am Spieß und ganze Enten geröstet. Ein ganzes Weltreich an Reis-, Nudel- und Suppenüberraschungen mit Gemüse, Fleisch und Fisch öffnet sich dem, der a la Carte bestellt, ohne die Karte lesen zu können, d.`h. ohne zu wissen, was er bestellt und bekommt. Wer wissen will, was er isst, der kann sich an Garküchen halten, die eine Art Bausatzsystem betreiben. Grundlage des Gerichts bilden dann Reis oder Nudeln und aus verschiedenen Schüsseln heraus kann sich der Gast aussuchen, welches Fleisch, Fisch oder Gemüse Geschmack geben soll. Zwischen den Gassen und Straßen des Viertels liegen viele kleine Tümpel, Teiche und Seen mit und ohne Pagode, die hauptsächlich den Zweck haben, dass die Stadtbewohner ihr Essen fischen können.
Wer nicht essen oder fischen will, kann auf einem der zahlreichen Sportplätze einem Ball nachjagen.
Das anarchistisch bunte Treiben auf und um den Straßen macht nicht den Eindruck von Unterdrückung. Hier kann man alles kaufen, was man braucht, noch viel mehr, was niemand braucht und ganz sicher bekommt man jedes Buch und jeden Film, der in den letzten Jahren in China verboten wurde.
Ich sitze am liebsten in oder vor einem kleinem Restaurant und beobachte Chinesen, chinesische Paare und Chinesinnen im Minirock. Wie gesagt, der erste Eindruck spricht von Freiheit, ob’s wirklich so ist, kann ich noch nicht wissen. Es ist aber auch nicht meine Absicht, einen politischen Blog zu schreiben, das sollen Leute tun, die etwas davon verstehen. Mal sehen, vielleicht mache ich’s, nachdem ich hier ein paar Jahre gelebt habe, nachdem es mir gelungen ist, chinesisch zu lernen. Die Hunan Universität genießt bei den Studenten Chinas übrigens einen ausgezeichneten Ruf, und der kommt aus der Freiheit, denn sie bietet eines der wenigen Campusgelände Chinas, das nicht eingemauert ist und nachts offen bleibt.
Das Studentenviertel, das sich am Abend, wenn ich zurückkomme, in ein Lichtermeer verwandeln wird, lassen wir hinter mir.
Bald habe ich den Fluss erreicht. Wo ich geschäftiges Straßenleben erwartete, gibt es nur eine verödete Uferpromenade. Wo ich essen und Tee trinken wollte gibt es nur Leere. Zu allem wird es auch noch langsam heiß. Sehr heiß. Und die Brücke, auf der ich den Fluss überqueren wollte, ist weit weg, sie verschwindet im Smog. Nun, auf in den Kampf Genossen, Laufen ist mein Leben, und um eine neue Stadt zu entdecken, gibt es nichts besseres. ½ Stunde später erreiche ich die Brücke. Zumindest mein schweißklebriges Selbst ist hier, den Rest habe ich auf dem Weg gelassen. Nur noch die Brücke, denke ich, die halbe Brücke. Auf der Hälfte werde ich die Brücke verlassen, werde zur Insel gehen. Essen. Tee.
Die Brücke ist eher für den Verkehr gemacht und der Verkehr sieht gefährlich aus. Doch es gibt links und rechts einen schmalen eingezäunten Bürgersteig. Da aber der Verkehr sehr gefährlich ist, fahren die Moped- und Fahrradfahrer lieber auf dem Bürgersteig. Das ist sehr gefährlich, für die Fußgänger. Ich taste mich an der Brückenmauer entlang. Ungefähr alle 30 Sekunden erinnert mich ein peripheres Hupen daran, dass man als Fußgänger nicht allein ist. Kurz darauf dann passiert mich ein Moped ein paar cm links. Laufen ist mein Leben, ich laufe für mein Leben gern, weil es gemütlich ist, weil es ruhig ist, weil es langsam und ungefährlich ist. Hier muss ich gegen den Reflex ankämpfen, um mein Leben zu laufen, von der Brücke in den Fluss zu springen, oder einen Mopedfahrer zu erschlagen. Das sind ganz neue Gefühlswelten für mich. Reisen bildet, nur weiß man nie, wohin die Reise geht.
Ich werde immer aggressiver und habe die Schnauze voll. Ich beginne mir die Busnummern der vorbeifahrenden Vehikel zu merken, damit ich zurück fahren kann. Als ich die Hälfte der Brücke erreicht habe, stelle ich fest, dass es keinen Fußgängerabgang gibt. Ich könnte die Autoausfahrt herunterlaufen, aber das will ich nicht. Also schwitze ich mich weiter über die Brücke. Ich fühle mich wie eine Schnecke: langsam; schmierig.
Als ich auf der anderen Seite bin, kaufe ich mir als erstes ein wenig Wasser und hocke mich neben ein paar Chinesen. Als mein Schweiß getrocknet ist, wird mir schnell klar, dass ich all die Busnummern vergessen habe, dass ich wohl wieder zurück laufen muss.
Ich gebe zu, was ich jetzt schreibe, ist zusammengesetzt aus vielen Spaziergängen, die ich gemacht habe, für einen wäre es zuviel gewesen. Aber da die ganze Stadt wie ein Puzzle zusammengehört, erzähle ich euch nur eine Geschichte, erzähle ich euch in einem, was ich in der Stadt gesehen habe, was mir dabei passiert ist und was ich mir dazu gedacht habe.
Wenn man nach der Brücke in Changsha weiter nach Osten gehen will, kann man das machen. Irgendwann kommt man dann zum Bahnhof. Bis dahin hat man viele hohe Häuser gesehen. Ich bin solche Hochbauerei nicht gewohnt und mag sie auch nicht. Ich bin da wohl etwas konservativ. Die Riesen links und rechts von mir haben etwas aufdringliches, rücken zu dicht zusammen, nehmen mir die Luft, bedrängen mich. Immerhin spenden sie Schatten, wenn auch keine Kühle. 39 C im Schatten sind 39 C im Schatten und werden im Schatten auch nicht kühler. Das eine Mal, als ich diesen Weg ging, war es nach zwölf und vor drei. Das hieß, die Stadt schlief. Mittagspause, Siesta, fast alles ist geschlossen. Ich kann mich also in kein Restaurant, keinen Laden flüchten. Trotzdem versuche ich es immer wieder, viele Türen sind aber einfach verschlossen. Wenn die Türen offen sind, sehe ich die Angestellten schlafen, sie schlafen auf den Böden oder den Restauranttischen. Dieser Brauch der Mittagspause, dieses Recht aufs Schlafen, ist mir sehr sympathisch. Am liebsten würde ich mich dazulegen. Dann öffne ich eine Tür und siehe: niemand schläft! Leider ist dies kein Restaurant. In der Mitte eines luxuriösen Raumes steht ein Lacktisch. Hinter dem Lacktisch sitzt eine junge Frau. Um den Lacktisch sitzen alte Männer. Ich schaue sie an, sie schauen mich an. Dann rufen sie, ich soll zu ihnen kommen. Bald sitze ich am Lacktisch, trinke sehr guten Tee und bekomme viel Lächeln von der jungen Frau. Das Geschäft ist ein Teeladen und ich bin in einer chinesischen Teezeremonie gelandet. Eine chinesische Teezeremonie ist wie eine japanische Teezeremonie, nur dass die chinesische Teezeremonie nicht sehr japanisch ist. Eine japanische Teezeremonie ist, was passiert, wenn man Langeweile ernst nimmt, ihr eine feste Form gibt und dann nie wieder etwas ändert. Eine japanische Teezeremonie ist leise, ist wie eine Theateraufführung eines kontrollsüchtigen Regisseurs. Eine chinesische Teezeremonie ist eher wie Improvisationstheater und ist laut. Die junge Frau hinter dem Lacktisch wurde mir als Zoe vorgestellt, während ihre Hände viele kompliziert ästhetische Dinge mit verschiedenen Teekännchen und zwei Buddhastatuen anstellt, wirft sie mir neckische Blicke zu. In der Mitte des Tisches befindet sich eine Art Abtropfplatte, dass langsam der ganze Tisch voll Tee ist, scheint niemanden zu stören. Die Alten um den Tisch ignorieren die Zeremonie, Zoe und mich vollkommen. Sie quasseln die ganze Zeit untereinander und spielen mit ihren Smartphones und Tablets.
Erst als sie bemerken, wie Zoe mich anlächelt, beziehen sie uns ins Gespräch mit ein. Sie sagen mir, dass Zoe sehr schön sei, dass ich sie heiraten könne, oder auch einfach nur mit ihr schlafen dürfte. Zoe, die kaum englisch spricht, versteht kein Wort und lächelt mich weiter an. Doch obwohl wir keine Sprache haben, versucht sie mit mir zu sprechen, als sie nicht versteht, was ich sage, fragt sie einen der Alten, der passabel Englisch spricht. Doch der fährt ihr über den Mund, sagt ihr grob: sei still.
Jesus, was für eine sympathische Runde. Bald schon entschuldige ich mich. Nachdem ich den Laden verlassen habe, folgt mir Zoe und gibt mir ihre Mobilnummer. Ich werde sie nicht anrufen, das ist leichter. Denn ich weiß nicht, welches Spiel Zoe spielt und habe wenig Lust es herauszufinden; doch wird es ihr nicht nur um ein wenig Spaß in der Nacht gehen.
In der Partnersuche oder Liebe kenne ich aus der Ferne zwei Spiele. Das eine Liebesspiel wird gern in Deutschland oder allgemein dem Westen gespielt, dieses ist für viele schon eher ein Lebensweg. Früher wurde auf das ewige Glück nach dem Tod gesetzt, das war die Zeit der Religionen. Später versucht, das Paradies auf Erden zu schaffen. Das war das Zeitalter der großen Ideologien. Heute setzen viele auf ihre Gesundheit, Sport und Liebe, das ist die Zeit der Fitnessstudios und Lebenshilfebücher.
Die Gesundheit ersetzt dabei das ewige Leben. Die Liebe soll dann aus dem gesundem Leben ein glückliches machen. Es suchen sich also lauter Gesunde, wohl proportionierte Leute, die hoffen, durch einen neuen Partner, endlich glücklich zu werden. Es treffen sich dementsprechend lauter unglückliche Leute, die darauf warten, glücklich gemacht zu werden. Was ein Käse ist, denn wenn man nicht weiß, wie man sich selbst hilft, kann man keinem anderen helfen, wenn man nicht weiß, wie das eigene Glück funktioniert, wenn man selbst kein Glück in seinem Leben hat, kann man es auch niemandem anderem bringen. Meisten teilen dann auch Paare nur ihr Leid, man sagt zwar, dass geteiltes Leid halbes Leid sei, aber für das halbe Leid, das man verliert, bekommt man ja den ganzen Scheiß vom Partner: So dass in Partnerschaften geteiltes Leid anderthalbfaches Leid ist. Mein privater Schluss, ich arbeite an meinem eigenen Glück, bis ich eine Frau finde, die auch schon glücklich ist und dann teilen wir unser Glück. Die beiden Alternativen sind, dass ich mich mal wieder Hals über Kopf verliebe und meine Worte verspeisen muss, oder dass ich allein bleibe. Was auch gut ist, dann kann ich weiter glücklich werden, ich kann allein sehr glücklich sein.
Wie auch immer; das andere Spiel funktioniert nach anderen Regeln. Es wird meist in Ländern gespielt, in denen die Menschen noch nicht alles haben, so dass sie sich noch nach den Dingen sehnen, die lebenswichtig sind. Hier sind die Menschen mehr als im Westen mit dem Leben an sich beschäftigt, sie haben daher sehr viel weniger Zeit nach einem glücklichem Leben zu streben. Ein guter Partner ist hier ein reicher Partner, der die Grundbedürfnisse sichert. Dass mag uns Europäern als materialistisch und zynisch erscheinen. Wo bleibt da die Liebe mögen wir fragen. Viele Westler mögen jetzt sagen, dass eben diese Liebe das wichtigste im Leben, dass sie die stärkste Antriebskraft und wichtigstes Grundbedürfnis im Leben sei. Aber das glauben sie nur, weil sie noch niemals im Leben richtigen Hunger hatten.
Da für viele Chinesinnen alle Westler reich sind, sind wir hier sehr begehrt.
Man könnte sich ja auch darauf einlassen, immerhin sind die Forderung nach einem gedeckten Tisch, einem neuem Auto und einer Eigentumswohnung an sich leichter zu erfüllen, als die nach einem konfusen undefinierten Glück. Ich bin aber nicht reich und werde es auch nie sein. Ich bin so geschäftsunfähig wie Donald Duck. Sollen sich andere als große Männer fühlen, weil ihnen die Asiatinnen hinterherrennen. Ich bleibe lieber weiter, wer ich bin.
Mich einfach nur für ein wenig Sex mit ein paar Frauen hier einzulassen, das würde ich nur wollen, wenn es das wäre, was sie suchen. Mit anderen Worten, ihre Erwartungen auszunutzen, um ein wenig Spaß zu haben, dazu habe ich zu viele Skrupel. Nun, mal sehen, wie standhaft ich bei meiner Moral bleibe, wenn es irgendeine Zoe ernsthaft versucht. Oder was passiert, wenn ich mich verlieben sollte, wahrscheinlich werde ich mich bald verlieben. Zielsicher wie ich bin, werde ich mich in eine Chinesin verlieben, die nur ein wenig Sex wollte. Im guten wie im schlechten, wenn man 38 ist, dann hat man manchmal Vorahnungen, man weiß ungefähr, wie das eigene Leben funktioniert.

Der Weg von der Brücke geradeaus Richtung Bahnhof hat mich also dazu gebracht über die Liebe nachzudenken, wenn man von der Brücke links abbiegt, kommt man in ein restauriertes Altbauviertel. Es ist fast hübsch. Nicht so hübsch wie europäische Altbauviertel, dafür aber um ein Vielfaches bunter, interessanter und lauter. Es ist leicht zu sehen, dass die Menschen hier reicher sind als in meinem Studentenviertel. Oder zumindest haben sie sich besser angezogen. Hier finden sich die, die es sich leisten können, in die teuren Restaurants, Bars und Clubs zu gehen. Für mich steht bald fest, hübsche Straße, interessiert mich aber nicht weiter, außer ich will mal ein Bier trinken gehen.
Da tippt mir eine Prinzessin auf die Schulter. Das passiert selbst bei Facebook seltener. Dazu muss man sagen, dass fast alle jungen Chinesinnen wie kleine Prinzessinnen aussehen und fast alle jungen Chinesen wie Nerds. Das ist hier sozusagen die Grundausstattung, hinter der die Individualität beginnt. Meine Prinzessin erklärt mir, dass sie eigentlich Studentin sei. Und dass sie im Englisch-Kurs an einem Projekt teilnehme und sich Ausländern vorstellen müsse, um ihr Englisch zu verbessern. Nun sah ich auch das Schulheft in ihrer Hand. Sie begann, erzählte mir, wie sie hieß, wie alt sie sei, welche Hobbys sie habe, usw. …
Dann musste ich noch unterschreiben, damit sie einen Beweis hatte, mit mir gesprochen zu haben. Als ich gehen wollte, klopfte mir ein Nerd auf die Schulter. Er mache ein Projekt, es war dasselbe Projekt. Während ich die Vorstellung des Nerds ertrug, sah ich, dass sich hinter ihm eine Schlange von Prinzessinnen und Nerds gebildet hatte, die geduldig auf mich warteten. Ich hörte mir die Vorstellungen von jeder und jedem an und bei allen unterschrieb ich. Ich fühlte mich wie ein gelangweilter VIP.
Nach getaner Arbeit folgte ich der Straße nur wenige weitere Meter. Und kam zur Uferpromenade. Zunächst musste ich eine Straße überqueren, was in Changsha nie ein leichtes Unterfangen ist, doch dann erwartete mich das, was ich mir von meiner ersten Uferpromenade erwartet hatte: das reinste Chaos und eine Geräuschexplosion. Ich sah Chinesen, die Mahjongg spielten, singende Liliputaner und tanzende Senioren. Andere malten mit Wasser Schriftzeichen in den Staub und die nächsten spielten traditionelle chinesische Musik. Es war wunderschön, Changsha ist hinter jeder Straßen-ecke anders, aber immer laut. Auffällig war allerdings, das hier eher ältere Chinesen ihren Spaß hatten.
Nachdem ich eine Weile die Promenade entlang flaniert war, mal Musik gelauscht hatte, mal Tänzer beobachtet hatte, entdeckte ich, dass die Promenade noch eine zweite Etage hatte, sozusagen einen Keller. Das ist der Bereich, der wahrscheinlich nach starkem Regen überflutet ist. Jetzt nach dem Sommer stand der Bereich voller Liegestühle. Nachdem ich an vielen leeren Liegestühlen vorbeigegangen war, verstand ich, dass sie niemandem gehörten, sondern zur freien Verfügung dort standen. Glücklich setzte ich mich, schaute vorbeifahrenden Schiffen hinterher und dachte an nichts. Bis mich eine Chinesin meinen Alters ansprach. Nein, auf mich einredete. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass sie mir eine Massage anbot. Davon hatte ich gehört, das soll es in den Parks öfter geben, das soll gut sein. Ich nahm an und bekam die schlechteste Massage meines Lebens. Sie klopfte eigentlich nur meinen Körper ab. Dann ging sie zu meinen Beinen über und versuchte, mit meinem Schwanz zu spielen. Ich versuchte, sie zu stoppen, sie versuchte, mir die Hose aufzumachen. Bei unserem Kampf wurden wir von einer zunehmend größeren Menge von kichernden Chinesen beobachtet. Ich tat, was jeder Westeuropäer in solch einer Situation getan hätte, wie ein Cowboy zog ich mein Portemonnaie. Ich wollte sie bezahlen, um sie loszuwerden. Sie gab mir zu wenig Wechselgeld, aber das fand ich ok, schließlich hatte sie mir einen heldinnenhaften Kampf um meinen Schwanz geboten. Vielleicht konnte sie dank des gestohlenen Wechselgeldes länger Pause machen. Schnell versuchte ich, den kichernden Chinesen zu entkommen. Das war eine eher unangenehme Erfahrung. Ich fühlte mich zu 95 sexuell belästigt und zu 5% erregt. Trotz meiner 38 Jahre, das hatte ich nicht kommen sehen.

Nun suchte ich, was rechts der Brücke liegt, zunächst kam ich in ein supermodernes Einkaufszentrum. In Berlin hatte ich noch nichts Vergleichbares gesehen. Hier waren die Menschen jünger, allerdings sahen sie nicht so aus, als hätten sie viel Spaß. Sie rannten von Laden zu Laden, starrten in ihre Smartphones und überlegten was in ihren Leben fehle, wo sie es kaufen könnten. Die modernen Chinesen: junge Konsumisten. Ich hasse Einkaufszentren überall auf der Welt von ganzem Herzen, denn sie sind überall gleich. Waren – Konsumisten – Leere. Von außen groß, von innen klein, die Kunst vom schönem Schein. Schnell verließ ich dieses Fegefeuer der Versprechungen.
Und kam zurück in die Altstadt, die unsanierte. Ein alter Slum gleich im Rücken der neuen Welt. Hier machten die Großväter der jungen Konsumisten, was sie schon immer getan haben. In schmalen Gassen, die ein wenig stinken, schwatzen sie, essen und trinken sie, spielen sie Mahjongg, Domino und Karten. Sie laufen, bleiben stehen und reden. So als hätten sie kein Ziel, oder als wäre das Halt auf dem Weg es wert, das Ziel nicht zu erreichen. Ich sehe wenig Smartphones und mehr Leben. Auch hier werden Dinge verkauft, aber es sind Dinge, die mich interessieren. Essen und Gewürze. Es riecht nach verfaultem Fisch und frischem Koriander. Ich sehe getrocknete Chilis und eingelegten Ingwer. Und noch viel mehr. In Käfigen warten Hühner auf ihr Ende. In kleinen Aquarien schwimmen große Fische. Es gibt Gambas, Flußkrebse und Hummer zu kaufen. Und nicht nur das, aus einem kleinen Becken schauen unglückliche Schildkröten und Frösche zu mir auf. In vielen Körben liegen Schlangen, an einem Haken hängt ein gehäuteter Hund. Es riecht, es stinkt, es bewegt sich, es schlängelt sich, es lebt*, ich liebe es.
Das alte und das neue. Sie sind Nachbarn in Changsha. Mitglieder einer Familie. Allerdings sprechen sie eher übereinander als miteinander. Die neuen Chinesen gehen ins Einkaufszentrum, sie halten ein Smartphone in der Hand und spülen ihren Hamburger mit Starbucksplörre hinunter. Die alten Chinesen kaufen und verkaufen Schlangen und machen Lärm im Park. Man könnte polemisieren: Das neue China scheißt Geld, das alte China steckt in der Scheiße. Allerdings scheinen die alten Chinesen die einzigen zu sein, die wirklich Spaß haben in Changsha. Nicht nur deshalb gehören ihnen meine Sympathien.

* Wenn es nicht geschlachtet und gehäutet** wurde.

** nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

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